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Ein Stück mit Musik in einem Vorspiel und acht Bildern
Was ist eine Moritat? Ein Gesang über eine „Mor-ed-tat“, also eine Mordtat. Der Gesang, historisch vorgetragen vom Leierkastenmann, besingt ein schauriges Verbrechen, um die Erzählung in einer moralisierenden Schlussbetrachtung münden zu lassen. Die Moritat überführt das Verbrechen wieder in die allgemeine Geschichte und errichtet das moralische Gebäude aufs Neue. Der wahrscheinlich berühmteste Song der Theatergeschichte des 20. Jahrhunderts ist Die Moritat von Mackie Messer. Doch diese ist der Abgesang auf die Moral, nicht ihre künstlerische Wiederauferstehung. Denn für Brecht und Weill ist klar, dass in den Zeiten des Kapitalismus die bürgerliche Moral nur noch der Schauplatz zynischer Bemäntelungen der Realität sein kann.
Die Dreigroschenoper erzählt das Erbärmliche im Leben: denn ins Schwarze trifft 1928 Brechts und Weills zynische Karikatur einer Welt der Armut und Doppelmoral, in der nach dem Börsencrash vom 13. Mai 1927, ganz darwinistisch nur noch der Stärkere bzw. ganz kapitalistisch der Skrupelloseste überlebt. Wahre Moral kann nur noch in der Überwindung des moralischen Standpunktes bestehen, eine Wiederauferstehung der bürgerlichen Ordnung wird es nicht geben. „Gesindel“ oder „Die Ludenoper“ wollte Brecht die Geschichte um Bettler, Zuhälter, Dirnen und Banditen eigentlich nennen, bis Lion Feuchtwanger auf einem Probenbesuch zur Uraufführung den Titel Die Dreigroschenoper vorschlug. Und so steht es im Vorspiel zum Stück: „Sie werden jetzt eine Oper für Bettler hören. Und weil diese Oper so prunkvoll gedacht war, wie nur Bettler sie erträumen, und weil sie doch so billig sein sollte, dass Bettler sie bezahlen können, heißt sie Die Dreigroschenoper.” Wer in ihr Moral fordert, fordert die Unterdrückung, und wer Unmoral lebt, lebt unbewussten Widerstand. Diese Umkehrung ist Brechts Thema. Und er präsentiert es in einer lustvollen, antibürgerlichen Oper, die Abgesang und Aufbruchsignal in einem sein soll: allerdings ein Aufbruch nicht in eine neue, schöne Welt, sondern in die gespenstische Gegenwart der eigenen Entwertung durch die politische und ökonomische Ordnung.
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