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Crash am Baum
@! Es beginnt wie im Kino. Einige Minuten lang gucken wir im „Theater unter Tage“ am Schauspielhaus Bochum Video statt Theater. Im Nebel erleben wir eine Autofahrt. Anhalter. Der Alptraum aller mildtätigen Autofahrer wird wahr: Die Anhalter zerren sie aus dem Fahrzeug und brausen davon. Ob ihnen das so gut tun wird, sei dahingestellt – die Verkehrssicherheit auf polnischen Landstraßen gefährdet es allemal. Denn die zwei Anhalter sind völlig bekifft. Hundert Kilometer vor Warschau, ihrer beider Ziel, endet die Fahrt erstmal. Crash am Baum. Parcha und Dschina kommen hinter der Leinwand hervor, resp. hinter dem kleinen Häuschen, das die gesamte Bühnendekoration ausmacht. Das Spiel beginnt.
Völlig durchschauen werden wir das Spiel nicht. Vor allem werden wir bis zum Ende nicht sicher sein, wer Parcha und Dschina wirklich sind. Allerdings, so steht zu befürchten, ist das nicht unser Problem. Es ist wohl eher das Problem der Protagonisten, die nämlich selbst nicht so genau wissen, wer sie sind. „Zwei arme polnisch sprechende Rumänen“, als die sie sich vorstellen, sind sie jedenfalls nicht. Italienisch sprechen sie aber: „Martini, Seicento, Fellatio…“ - Dschina ist schwanger, was für das Ungeborene zunächst mal den Vorteil hat, dass seine Mutter es derzeit nicht irgendwo vergessen kann. Ihr erstes Kind hat sie heute Morgen (oder war es gestern? Oder vorgestern?) im Kindergarten abgegeben. Glaubt sie jedenfalls. Abgeholt hat sie es dann aus Versehen nicht mehr. Eigentlich will sie nach Warschau, irgendwie aber auch nach Hause, ihr Kind suchen. Ankommen wird sie in Dorota Masłowskas Stück weder hier noch dort. In der Realität wohl auch nicht mehr. - Parcha ist Schauspieler. Glaubt er jedenfalls. Er spielt in einer Fernsehserie einen Priester. Ob das stimmt? Wahrscheinlich träumt in Polen ja jeder mal, einen Priester zu spielen. Parcha muss mal am Set anrufen und mitteilen, dass er später kommt: Autopanne. Anrufen wird er bis zum Ende des Stückes nicht. Ob es den Set gibt? Immerhin geht Parcha in der Rolle auf: „Priester Grzegorz wird Euch verfluchen: Soll Euch die Mikrowelle explodieren, mit allem Drum und Dran!“ schimpft er, als er seine bestellten Eier nicht bekommt. Halbherzig schimpft er, zu echtem Fluchen oder gar Drohen fehlt ihm die Kraft.
Es ist ein skurriles, bizarres Roadmovie, das wir da sehen in dem atmosphärisch immer wieder anregenden Keller des Bochumer Schauspielhauses. So ein paar Western- oder Easy-Rider-Anleihen an das amerikanische Kino mag es geben, aber es ist ein Roadmovie mit dem ärmlichen osteuropäischen Loser-Flair. Irgendwie romantisch trotzdem. Dorota Masłowska, 26 Jahre alt, ist so etwas wie der Shooting Star der polnischen Literatur-Szene; die „polnisch sprechenden Rumänen“ sind ihr erstes Theaterstück. Masłowska „gilt als Skandalautorin“, die ihre Texte „in aggressiver, von Schimpfworten durchsetzter Sprache verfasst und mit kaputtem Personal bestückt, das lieber vor die Hunde geht als sich der Konsum- und Leistungsgesellschaft anzupassen“, wie die Rheinische Post schreibt. Das klingt schlimmer als es ist. Denn Masłowskas Sprache ist witzig – und hat Qualität und Ausstrahlung. – Rabea Kiel, 32 Jahre alt, ist noch ein relativer Nobody in der Regie-Szene. Ihre Studenteninszenierungen aber wurden des Öfteren mit Preisen ausgezeichnet; sie ist in der Kunstszene interdisziplinär unterwegs und hat bereits als Studentin zwei Inszenierungen für das Schauspiel Wuppertal eingerichtet. Die „polnisch sprechenden Rumänen“ sind ihre erste eigenständige Inszenierung für das Schauspielhaus Bochum. Sie hat dem Stück ein wenig an Schärfe genommen, es als Farce ausgelegt. Das ermöglicht uns, uns gemütlich zurückzulehnen und die witzigen, skurrilen Figuren und Dialoge zu genießen – Erschrecken bleibt aus. Ob das gut oder schlecht ist für das Stück, ist Geschmackssache. Aber es funktioniert: Kiels Inszenierung ist kein Meisterwerk, aber sie macht aufmerksam auf ein Talent.
Ein solches ist auch Karin Moog, die in dieser Inszenierung die Dschina spielt. Die allerdings ist hier fehlbesetzt. Die sympathische Schauspielerin kann wunderbar skurrile, märchenhafte Eisprinzessinnen, aber für die schrille, drogenbenebelte, völlig kaputte Dschina fehlt ihr die Verrücktheit. Henning Hartmann, der uns schon als Henri Boulanger in Kaurismäkis „Contract Killer“ so verzückt hatte, ist da erheblich überzeugender. Den Vogel schießt aber eine ab, die nur diverse Nebenfiguren spielt: Veronika Nickl als Bardame haut uns mit unbändigem komödiantischem Talent aus den Socken, und auch in ihren anderen Rollen könnte sie die anderen an die Wand spielen. Es lohnt, anlässlich der letzten Vorstellungen im Juni Stück und Regisseurin kennen zu lernen @!
Stück ●●● Insz ●●● Schsp ●● Zielgruppe: alle, vor allem junge Zuschauer
(Dietmar Zimmermann, theatermail nrw)
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