Kritik von Ernst Scherzer
Naturgemäß stößt man in einer Großstadt wie Wien auf eine größere Anzahl kultureller Ereignisse als in den beiden nächstgrößeren österreichischen Städten Graz - mit etwa einer Viertel Million Einwohner - oder der doch deutlich darunter liegenden Europäischen Kulturhauptstadt 2009 Linz. Logischerweise ist damit in der Hauptstadt auch die Wahrscheinlichkeit größer, mit qualitativ wirklich guten Darbietungen beglückt zu werden; für sich gepachtet hat Wien dieses Vorrecht nicht: Auch wenn die Kulturgewaltigen dort über die sogenannte "Provinz" die Nase rümpfen mögen. War doch der derzeitige Staatsoperndirektor einst auch nur ein passabler lyrischer Bariton am Klagenfurter Stadttheater...
Damals wäre eine Wiedergabe von Alban Bergs Oper "Wozzeck" freilich kaum denkbar gewesen. Erst vor gerade zwei Jahren fand in diesem neben dem Grazer Opernhaus schönsten Musentempel einer Länderbühne die Erstaufführung statt. Als Regiearbeit des hier groß gewordenen Olivier Tambosi, die der legendären Hamburger Produktion von Peter Konwitschny kaum nachsteht und mit - wie an diesem Haus seit vielen Jahren üblich - Gastsängern, die ihre Aufgaben imponierend bewältigt haben. Fast genau ein Jahr später folgte Graz mit einer deutlich schwächeren, insgesamt aber doch dem Werk nicht ganz zuwiderlaufenden Neuinszenierung.
Nochmals im Jahresabstand folgte jetzt das Tiroler Landestheater Innsbruck. Mit Ausnahme von Linz das einzige Musiktheater in Österreich, das sich noch ein Ensemble leistet. Und es sich, schon einmal künstlerisch, auch leisten kann. Hier verpflichten nicht ahnungslose Manager die Künstler, sondern die Hausherrin persönlich: Kammersängerin Brigitte Fassbaender. Ihr zuliebe kommt auch der eine oder andere prominente Gast an den Inn, um eine neue Rolle auszuprobieren. So debütierte zu Saisonbeginn Juliane Banse als Tatjana in einer von der Intendantin selbst besorgten Neuinszenierung des "Eugen Onegin", wie man ihn sich stärker zu Herzen gehend nicht vorstellen kann. Im Wesentlichen ist aber Alles aus dem Haus besetzbar, oftmals mit mindestens einer Alternative. Ein halbszenisches "Rheingold" geriet auf diese Weise zu einer musikalisch geschlossenen Gesamtleistung und einem Abend voll Witz, mit dem derzeit weder die Wiener Staatsoper und schon gar nicht die Bayreuther Festspiele aufwarten können.
Ein bißchen ratlos ist der ständige Besucher des repräsentativen Hauses am Innsbrucker Rennweg gegenüber der Hofburg über die Tatsache, dass nach dem vorzeitigen Ausscheiden der beiden Chefdirigenten (Konzert- und Opernaufgaben waren und sind zumindest organisatorisch geteilt) noch keine endgültige Entscheidung über eine Nachfolge getroffen wurde. Das Tiroler Symphonieorchester mag - anders als das Bruckner Orchester Linz oder das Mozarteumorchester Salzburg - nicht von gleichermaßen überregionaler Bedeutung sein. Daß es ein guter Klangkörper ist, hat es zwischen den ersten beiden "Wozzeck"-Aufführungen auch im Konzertsaal bewiesen.
Nicht mit einem Allerwelts-Programm, vielmehr als Begleiter des Raschèr Saxophon Quartet in den von Philip Glass und Ravi Shankar komponierten, von Dennis Russell Davies transkribierten "Passages", vor allem aber der mächtig aufrauschenden Symphonie Nr.5 von Sergei Prokofjew. Ein Gutteil des Beifalls galt dem Dirigenten Arild Remmereit. Applaus verdient aber - und das gilt für die Darbietung im vollen Congress-Saal ebenso wie für die gut besuchte Opernvorstellung - auch das Publikum. Wenn Konzertbesucher heutzutage überall einander in Hustorgien anscheinend zu übertrumpfen suchen, lauschten die Innsbrucker aufmerksam den Stücken und brachen nach deren Schluß in ehrliche, aber nicht hysterische Begeisterung aus. Nach dem "Wozzeck" vermeinte man sogar, einem Abend italienischer Gesangsstars beigewohnt zu haben!
Freilich waren die beiden Hauptdarsteller eine wesentliche Ursache für diese Konzentration. Beklemmend in seiner Unterwürfigkeit der Wozzeck von Joachim Seipp, mitreißend die ihre elementaren Bedürfnisse - selbstverständlich unter Berücksichtigung des Berg'schen Melos - hinausschreiende Marie der Susanna von der Burg. Gregor Horres, der Regisseur, sieht den Andres wohl als etwas zwielichtige Figur, dagegen eindeutig in Gesang und Darstellung Martin Mitterrutzner; nach ein paar nicht ganz gelungenen Rollenporträts wieder zu alter Form aufgelaufen Dale Albright als Hauptmann. Der Doktor hätte etwas markanter ausfallen können, als von Lars Woldt geboten. Ein tenoraler Schwachpunkt war nur der Tambourmajor von Michael Putsch inmitten aller gleichsam einem Alptraum Wozzecks entsprungenen Figuren.
Die unabhängig von einander kreisenden Ringe der von Jan Bammes gestalteten Bühne vermitteln eindringlich die Ausweglosigkeit der Situation. Weshalb der Narr (vorzüglich Brenden Gunnell) im Publikum nach Blut schnuppert und Wozzeck durch den Hauptmann mittels Pistole, durch Andres mittels Messer in Mordabsichten bestärkt werden muß, weiß vermutlich nur der Regisseur. Den grandiosen musikalischen Einfall des Komponisten vor der zweiten Wirtshausszene verschenkt Gregor Horres, indem er sie nur als Hirngespinst der Titelrolle spielen läßt.
Glücklicherweise verschont seine Inszenierung die Zwischenspiele durch Bebilderung. Johannes Debus, der Gastdirigent, weiß es ihm hörbar zu danken. Unter ihm hat das Orchester aber auch insgesamt seinen großen Abend. Nicht zu vergessen, der von Nikolaus Netzer einstudierte Chor. Schön, daß die Produktion im Herbst wieder aufgenommen wird.
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