
3
2
45
God’s away on business
@! Der Doktor, ein heruntergekommener, schmieriger, hustender und bekiffter Unterwelt-Mediziner, schwebt in der Haltung des gekreuzigten Jesus Christus durch die Lüfte, hinter ihm leuchtet in malerischen dunklen Farben der Puff „Sexnesse“. „God’s away on business“, röhrt der Doktor. Durch die Fenster des Bordells sehen wir Marie, Woyzecks Verlobte. Sie klammert sich an den Hauptmann, klammert sich an den Tambourmajor. Im Vordergrund sitzt „Woyzeck“ und klammert auch: sich selbst verzweifelt an die Illusionen seiner Liebe. God’s away on business. And misery’s the river of the world.
Das Theater Oberhausen hat gleich zu Beginn der neuen Intendanz Peter Carp einen Coup gelandet, für den die Bezeichnung „sensationell“ noch mildes Understatement darstellt. Im Jahre 2000 hat der alte Theater-Magier Robert Wilson Georg Büchners fragmentarisches Drama am Betty-Nansen-Theater in Kopenhagen als sogenannte „Opera“ auf die Bühne gebracht: den arg skelettierten und auf die Mord-Geschichte reduzierten Originaltext, ergänzt um 16 frische Songs von Tom Waits und Kathleen Brennan. Die Aufführung floppte, und Waits und Wilson sperrten die Rechte. Neun Jahre lang. Bis dass sich endlich echte Welt-Stars fanden, die es noch einmal mit dem Werk probieren wollten: das frisch zusammengewürfelte Ensemble aus Oberhausen eben, und der gebürtige Andorraner Joan Anton Rechi als Regisseur. Publikum und Presse sind begeistert.
Dabei – verzeihen Sie mir mein einseitiges Kunstverständnis – verkleinert eine solche Musical-Version die Wucht des Büchner’schen Stücks ganz erheblich. Als „Opera“ kann man die Angelegenheit beim besten Willen nicht bezeichnen. Die Tragödie bekommt etwas Harmloses, Folkloristisches – Büchner für Arme. Aber die Musik ist klasse – ist halt Tom Waits und keine klebrige Musical-Masse. Die Schauspieler sind erkennbar nach ihrem sängerischen Vermögen besetzt und nicht nach schauspielerischer Passform. Am deutlichsten wird dies bei der Titelrolle: Den tumben, geistig etwas minderbemittelten Underdog Franz nimmt man dem gut aussehenden, intelligent wirkenden Jürgen Sarkiss nicht ab – aber er kann singen! Wenn er „Coney Island Baby“ anstimmt, als die Liebe noch intakt scheint, when every night she comes and takes him out to dreamland, dann möchten wir ergriffen die Wunderkerzen anzünden; we will always keep a Diamond in our mind, wenn wir an seinen Gesang denken. Otto Beatus, der Leiter der neuen Oberhausener Theater-Band, sitzt mit seinen Musikern im Obergeschoss des Puffs und spielt mit einer alle Sinne erfassenden Intensität, mit einem untrüglichen Gefühl für kitschige Balladen ebenso wie für das typische Tom-Waits-Gerumpel, für Harmonien ebenso wie für plötzliche disharmonische Eruptionen. Es sind Beatus und seine Musiker, mit denen das von Schließung oder Fusion bedrohte Theater Oberhausen die Nische gefunden hat, die es in der reichhaltigen NRW-Theaterlandschaft unverwechselbar macht und die es uns hoffentlich noch lange erhält.
So dreht sich denn die wunderbare Bühne von Alfons Flores, wir sind gefesselt von phantasievollen Kostümen und berauschender Musik, und dazu tingelt eine Geschichte vor sich hin, die wir am Theater Essen – ebenfalls von Live-Musik begleitet – viel eindrucksvoller als grandiose ausweglose, düstere Höllenfahrt erlebt haben. Puristische Büchner-Freunde meiden das Theater Oberhausen besser, Freunde von Tom Waits aber und Musiktheaterbegeisterte, die sich auch an einer unterhaltsamen Light-Version großer Dramen erfreuen können, sollten weite Anreisen nicht scheuen. Immerhin bietet auch Oberhausen die Erkenntnis: There’s one thing you can say about mankind – there’s nothing kind about man. Ungeheuer ist viel, doch nichts ist ungeheurer als der Mensch. @!
Txtfssg ○ Insz ●●● Schauspieler: Spiel ● Gesang ●●●● Musik ●●●● Bühne ●●●
für Freunde des Musiktheaters, insbes. Tom-Waits-Fans, auch Einsteiger
empfehlen