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Das Drama mit dem Sex
Woody Allens Episodenfilm "Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber nie zu fragen wagten" genoss in den siebziger Jahren Kultstatus. Doch erst jetzt, fast vierzig Jahre später, gibt es erstmals eine Theaterfassung (Alexander Suckel). Das liegt nicht so sehr an einem etwa veralteten Inhalt, sondern eher an den Schwierigkeiten, eine wandernde Riesenbrust oder ein Schaf auf die Bühne zu bringen.Während an der Württembergischen Landesbühne Esslingen das Schaf Daisy zu einer ganz entzückenden Handpuppe mutieren durfte, hätte der Brust, (die sich inzwischen Titte nennt, so viel Zeitgeist muss sein), eine Schönheitsoperation nicht geschadet: eine Art hautfarbener Regenschirm erzeugt noch keine Illusion einer riesigen, unaufhaltsam wandernden Brust (Ausstattung Christopher Melching), die vermutlich alle Besucher über vierzig Jahren im Kopf hatten.Genau hier liegt auch ein weiteres Problem der Bühnenfassung. Alle, die den Film gesehen haben, kommen mit entsprechenden Erwartungen ins Theater und werden naturgemäß enttäuscht. Alle, die den Film nicht gesehen haben – und es sind sehr viele Jugendliche unter den Besuchern, die sich möglicherweise eine Art Aufklärungsabend erhofft haben – bleiben ratlos, da Alexander Suckel die sieben ursprünglich getrennten Filmepisoden miteinander verknüpft und und dadurch leider so durcheinander bringt, dass nicht mehr zu begreifen ist, in welcher Geschichte man sich befindet und worum es geht.Das ist schade, da Regisseur Matthias Thieme durchaus gute Ideen hatte. So sind die beiden letzten Episoden des Abends, die abgeschlossen für sich stehen, dramaturgisch schlüssig, überdies endlich witzig und man merkt den Schauspielern dann auch ihre Spiellust an. Doch bis es zu diesen Episoden kommt, vergeht viel Zeit, die gefühlt noch länger ist als die tatsächliche Dauer. In dieser ersten Stunde lernt man, dass auch kurze Witze Längen haben. Und Kalauer der Kategorie "Peer Steinbrück – Peer Gynt – pervers" sind peinlich statt pointiert.
Den Rahmen für diese ersten Geschichten bildet die sechste Episode des Films um den wahnsinnigen Sexualforscher Doktor Bernardo (Benedikt Voellmy), der Besuch bekommt von der (wiss)begierigen Reporterin Helen (Ute Seraina Schramm) und dem neugierigen Wissenschaftler Victor (Frank Ehrhardt). Diese beiden führt er durch sein Panoptikum der sexuellen Abarten, zu dem ebenso ein Pärchen gehört, das nur zum Höhepunkt kommt, wenn es das Gefühl hat, ertappt zu werden, wie der bucklige Hausdiener Igor, der sich – einst selbst Arzt – dem Doktor verschrieben hatte in der Hoffnung, sein geliebtes Schaf Daisy wiederzufinden.
Doch statt Woody Allens Film darin wiederzuerkennen, glaubt man sich in der "Rocky Horror Show", in der Brad und Jane ins Horrorkabinett Frank'n'furters geraten. Zudem wird Benedikt Voellmy der Rolle des Doktor Bernardos nicht gerecht: eine weißhaarige Perücke macht noch keinen alten Wissenschaftler. Dass er eigentlich spielen kann, beweist die letzte Episode des Abends, in der Voellmy überzeugend einen Pfarrer verkörpert. Waren, was diesen ersten Teil des Abends betrifft, die Schauspieler vielleicht ebenso ratlos wie die Zuschauer?
Das ändert sich mit der letzten Episode vor der Pause, die am Hof des englischen Königs zu Zeiten Shakespeares spielt. Der närrische Narr (hier ebenfalls überzeugender als zu Beginn: Frank Ehrhardt) macht sich zunächst vergeblich am Keuschheitsgürtel seiner Königin (Susanne Weckerle) zu schaffen. Nach endlich geglückter Öffnung gelangt er jedoch noch immer nicht ans Ziel seiner Wünsche, da überraschend der König (Lothar Bobbe) zurückkehrt und sich der Narr verstecken muss. Groteskerweise wird er seiner Aufgabe also am allerbesten gerecht, nämlich unterhaltsam und komisch zu sein, als er unsichtbar ist.
Trotz dieses versöhnlichen Endes verlassen manche Besucher zur Pause das Theater und versäumen so das Beste des Abends.
Der zweite Teil konzentriert sich auf eine einzige Episode. Das inzwischen umgestaltete Bühnenbild zeigt ein Geflecht aus Blutbahnen und Sehnen. Der Zuschauer befindet sich im Inneren eines Mannes und wohnt aus dieser Perspektive der Verabredung mit einer Frau bei, die zu mehr als einem Abendessen führen soll, sofern die Schaltzentrale des männlichen Hirns richtig funktioniert und Organe, Sinne und vor allem der nervöse Schwarm Spermien entsprechend kontrolliert werden können. Für eine Erhöhung des Pulsschlages bei Protagonist wie Publikum sorgt die Band "Straightjummy", die diesen zweiten Teil des Abends musikalisch umrahmt. Beschwingt singende Spermien führen zur Erkenntnis: ein Film ist ein Theaterstück ist ein Musical! So stimmig das ist, so unverständlich bleibt, wieso sich die Musik fast ausschließlich auf diese letzte Episode konzentriert.
Dass dieses Theaterstück dann doch nicht ganz ohne Film auskommt, ist kein Zugeständnis an Woody Allen, sondern ein gelungener Einfall des Regisseurs. Auf einer Leinwand sieht man durch die große, an Allen erinnernde Brille des verliebten Helden das Ziel seiner Anstrengungen (Ute Seraina Schramm) und kann die Fortschritte des Rendezvous bis zum glücklichen Finale mitverfolgen.
Bis es indes zu diesem Finale furioso kommt, leistet der Körper Schwerstarbeit. Vor allem der männliche Joystick muss mittels einer Handkurbel auf die entsprechende Gradzahl gebracht und dort auch lange genug gehalten werden, bis die mit Fallschirm ausgerüsteten Spermien abschussbereit sind. Die entpuppen sich als ängstlicher wie aufgeregter Haufen, der zwar in der Spermienschule auf die entscheidende Mission theoretisch vorbereitet wurde, aber keinerlei praktische Erfahrungen hat – schließlich ist nie ein Spermium von seiner Mission zurückgekehrt!
Am Ende wohnt nicht nur der plötzlich heißblütige Held seiner Flamme bei, sondern der Zuschauer gebannt dem Spermienabschuss. Im Gegensatz zu der hierfür nötigen Versteifung hat sich die Steifheit des Publikums endlich gelöst. Doch leider zu spät, um diesen Theaterabend als gänzlich gelungen in Erinnerung zu behalten.
"Was Sie schon immer über Sex wissen wollten" deckt sich somit leider nicht mit dem, was man schon immer im Theater sehen wollte.
(Nächste Vorstellungen: 31.12.2009, 16.30h und 20.30h; 9.1.2010, 19.30h)
A.Massoth
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