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Nach dem Film La Journée de la Jupe
»Fuck identity« / Graffiti
Junge Männer mit Hintergrund sind neben Minaretten im alltäglichen Kampf um die abendländische Zivilisation der neue Schrecken der deutschen Gesellschaft geworden. Ihr Hintergrund ist meist ein migrantischer oder muslimischer oder bildungsferner. Manchmal treibt dieser Schrecken auch Wurzeln, die sind dann türkisch oder arabisch, dann zwingen diese Männer ihre Frauen, Kopftuch zu tragen, und ermorden ihre Schwestern aus Gründen der Familienehre, dabei bestreitet der Staat diesen Integrationsverweigerern ihren Lebensunterhalt, während sie statt zu arbeiten neue Kopftuchmädchen zeugen.
So weit die gängigen Klischees in den gegenwärtigen Islamdebatten. Die einzige Hoffnung auf eine Lösung der Probleme ruht dabei auf der guten alten deutschen Schule: Bildung, Bildung, Bildung!
Eine dieser Lehrerinnen, auf denen die letzte Hoffnung der Nation ruht, bekommt eines Tages eine einzigartige Chance: Sie versucht, ihren renitenten, disziplinlosen Schülern mit Migrationshintergrund gerade einen Klassiker des abendländischen Theaters nahezubringen, als ihr in einem Gerangel eine Pistole in die Hände fällt, eine echte. Kurz zögert sie, dann nimmt sie ihre Schüler als Geiseln und zwingt sie mit vorgehaltener Waffe, auf die Schulbühne zu treten und zu spielen. Mit dieser Geiselnahme hebt nicht nur ein aberwitziger Tanz der Genres vom Thriller über die Komödie zum Melodrama an, sondern auch die lustvolle Dekonstruktion aller vermeintlich klaren Identitäten.
Verrücktes Blut ist eine Zusammenarbeit mit dem Ballhaus Naunynstraße Berlin, Deutschlands einzigartigem post-migrantischem Theater.
Erfolgskanaken
@@! Zugegeben: Ein bisschen Glück hat das Ballhaus Naunynstraße ja gehabt. Am Montag präsentierte Thilo Sarrazin der aufgeregten Öffentlichkeit, wie Deutschland sich abschafft, und gestern hatte die neueste Produktion der Berliner Post-Migranten Premiere. „Verrücktes Blut“ floss ans Licht der Welt in der Gebläsehalle des Landschaftspark Nord in Duisburg, als Koproduktion mit der diesjährigen Ruhrtriennale – und das Stück nach dem Film „La Journée de la Jupe“ von Jean Paul Lilienfeld thematisiert exakt die gleichen Probleme wie Sarrazin. Plakativ wirkt es auch, recherchiert ist es besser.
Berlin, sozialer Brennpunkt. In Frl. Kelichs Schulklasse sind ausschließlich Schüler mit Migrationshintergrund, Kopftuchmädchen inklusive. Außer einem vielleicht, und der ist schwul. Die junge, zierliche Lehrerin will die abendländische Kultur mit Schiller retten, mit seinen „Räubern“, mit seinem Traktat „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ gar. Wir hören sie nicht, ihre Stimme dringt nicht durch gegen Chaos und Lärm in der Klasse, gegen Streit und Prügeleien, Destruktion und Tohuwabohu. Da fliegt einem, dem Renitentesten von allen, eine Pistole aus der Tasche. Erschrockenes Schweigen zunächst, dann erkennt die Lehrerin ihre Chance. Die Frau mit dem goldenen Colt zwingt die Schüler zu Schiller. Gebt den Kindern das Kommando? Gebt den Lehrern eine Knarre!
Frl. Kelich wird mutiger, lässt sich mehr und mehr auf die krude Gedankenwelt der Schüler, auf ihre rüden Umgangsformen, ihre Fäkalsprache ein. Sesede Terziyan, in der Schwächephase der Lehrerin auch die schwächste der Schauspieler, gewinnt an Statur, wird zur stärksten, sprachgewaltigsten Darstellerin des Abends und heimst am Ende den größten Beifall ein. Sie domptiert jetzt die Bande der Aufsässigen: mit Schiller, Schüssen, Spracherziehung. Die wehren sich, werden erniedrigt, gelobt, beschimpft – und lesen Original-Text „Die Räuber“. Und Allah sei mein Zeuge: wieder und wieder scheitere ich daran, den exakten Zeitpunkt zu erkennen, wann Schillers hehre und hochtrabende Worte in den Original-Neuköllner Prekariats-Slang kippen. Die Schüler tun sich schwer mit der Sprache, zwei von ihnen können kaum lesen, doch die Lehrerin weiß Rat: „Mensch, du bist doch der Franz, du hast hier die dicksten Eier! Zeig mir deine Eier!“ Und die Kanaille blüht auf, spricht den Schiller-Text frei, voller Emphase und Überzeugung. Die Schüler transponieren unwillkürlich Schiller-Text und –Inhalt in ihre Alltagswelt. Konflikte treten immer wieder hervor, Obstruktion gegen die Institution Schule, Macho-Gehabe gegenüber den Mitschülern, Versteckspiel hinter der religiösen Erziehung, geheime Ängste, Minderwertigkeitsgefühle auch. Coole Fassaden bröckeln, Schutzwälle, hinter denen die Jugendlichen ihre Unsicherheiten, ihr gesellschaftliches Außenseitertum verstecken, werden eingerissen. Nurkan Erpulats kraftvolle, wuchtige Inszenierung spricht, ohne dass der Abend damit überladen wirkt, alle Probleme an, die die Gesellschaft mit dem Migrantenpack und dieses mit sich selbst hat: Subkultur, Kriminalität, Kopftuchstreit, mangelnde Integrationsbereitschaft, Frauenbild, Bildungsferne und … und … und.
All das wird von den Schauspielern des einzigen post-migrantischen Theaters Deutschlands in rasendem Tempo und mit unglaublicher Authentizität gespielt – und mit einem Timing, einer Präzision wie sie der hoch bezahlten Berliner Konkurrenz vom Deutschen Theater nur selten gelingt. Die Rollenidentifikation der migrantischen Schauspieler ist hundertprozentig. Der Abend hält uns gefangen; mit atemloser Spannung verfolgen wir das Geschehen. Lachen über manch treffende Darstellung, über die zunehmende Schlagfertigkeit der Lehrerin. Erschrecken über die Zustände, die wir vielleicht aus dem Fernsehen, aber nicht aus eigener Anschauung kennen. Bei Nigel Williams‘ „Klassenfeind“ haben wir sowas schon mal ansatzweise im Theater gesehen – ohne Migrationshintergrund. Totenstille herrscht bei manch überraschen-den Wendungen, bei plötzlichen Zuspitzungen: Wird die Muslimin ihr Kopftuch abnehmen? Unbändig die Befreiung danach. Vier-, fünfmal wird die Bühne abgedunkelt, und alle Akteure singen wunderbar melodiös deutsche Volkslieder, Lieder voller deutschen Nationalstolzes – kulturelles Kontrastprogramm, Heileweltkontrast, manchmal auch bedenklich.
Das Stück ist perfekt gebaut, hat eine perfekte Dramaturgie, wird von perfekten Schauspielern gespielt. Die Produktion eines freien Theaters ist vielleicht die überraschendste Entdeckung des Jahres. „Ihr lebt ja noch im Mittelalter“, schleudert Frau Kelich ihren muslimischen Schülern entgegen, „Französische Revolution, Aufklärung – alles nicht gewesen!“ Am Ende gelingt die Aufklärung – mit Knarre und Schiller. „Erfolgskanaken“ wollen die Schüler am Ende werden, wissen aber, dass die Erreichung dieses Ziels illusorisch ist – die Fernsehrolle des Kanakenkommissars ist ja schon vergeben. Dabei sind sie es längst, die acht Schauspieler und ihr Regisseur Nurkan Erpulat: Erfolgskanaken, mindestens so gut wie Mesut Özil. Vielleicht, so keimt auf dem Heimweg eine leise Hoffnung in uns, gibt es ja doch einen Weg aus der Verkapselung weiter Teile der Migranten. Vielleicht geht es ja auch ohne Knarre. Bis zum 5.09.2010 in Duisburg, ab 10. September im Ballhaus Naunynstraße Berlin. @@!
Dietmar Zimmermann, theatermail nrw
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