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Im Zuschauerraum ist das Licht an, ein paar Bühnenarbeiter hantieren noch mit Scheinwerfern und Requisiten – irgendwie ist das Team von „mouvoir“ nicht fertig geworden, bevor die Performance beginnt. Auch der Ground von „Under Green Ground“ ist noch nackt und schwarz. Als würde sie das alles nicht kümmern, schlendert Alexandra Naudet auf die Bühne und lockert ein wenig die Muskeln, tanzt neckisch ihre Techniker-Crew an, macht sich warm wie Usain Bolt für ein Sportfest der Diamond League – spielerisch, ohne Lampenfieber. Dann wird es dunkel, und Naudet beginnt zu tanzen.
Nun, wir ahnen es schon: Techniker und Bühnen-Crew gehören zum Programm, wagen in den Pausen zwischen Naudets Solonummern schon mal selbst ein Tänzchen, im Falle der weiblichen Mitstreiterin sogar ein wildes, waghalsiges Manöver. Oder sie fragen die Choreographin Stephanie Thiersch, die heute Abend höchstselbst am Mischpult sitzt, ob man nicht mal ne Kaffeepause machen solle. Alexandra Naudet aber zeigt uns, wie „mouvoir“ es nennt, „das komplexe Zusammenspiel zwischen Idee und Fleisch, von Bildgedächtnis und weiblichem Körper.“ Für einfachere Gemüter: die Verkörperung unterschiedlicher Frauenrollen – Heilige und Hure, Model auf dem Laufsteg oder Sonnenbadende hinter Glasbausteinen, aggressive Kämpferin und anschmiegsame Verführerin. Bilder werden zitiert, Filme von David Lynch, die Venus von Botticelli, die Nackte aus Manets „Frühstück im Freien“ – aufgrund von Naudets vorherrschender Ausstrahlung von Selbstbewusstsein, Kraft und Arroganz überzeugen uns die starken, dominanten Figuren eher als die anschmiegsamen Weibchen. Kraftvoll, selbstbestimmt, emanzipiert wirkt das Kaleidoskop der Naudet‘schen Frauenrollen. Doch dann beginnt die Tänzerin scheinbar zu zittern; unsicher, verletzlich wirkt die Hure, die da auf uns zukommt, gequält wirkt ihr Gesichtsausdruck. Unwillkürlich denken wir an Zwangsprostitution – auch eine Facette weiblicher Daseinsformen. Das Elend entlädt sich in einem einzigen langen, verzweifelten Schrei – dem einzigen Laut, den Alexandra Naudet an diesem 65 Minuten kurzen Abend von sich gibt. Dann vergräbt sie sich „under green ground“, bemüht sich, der Realität durch Flucht unter den grünen Rollrasen zu entkommen.
Eine „Ikonographie des Weiblichen“ nennt Stephanie Thiersch ihre Choreographie, ein Panoptikum weiblicher Selbstinszenierungen. Wobei die Selbst-Inszenierung in der beschriebenen Szene außer Kontrolle zu geraten scheint. Zu Vogelgezwitscher und wildem, wieder eher fröhlichem Tanz löst sich die Düsternis dieser Szene am Ende wieder auf. Wir aber jubeln.
Dietmar Zimmermann, theatermail nrw
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