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Klein-Bayreuth in Tirol
Für den musikinteressierten Reisenden besteht eigentlich wenig Grund, Tirol in Richtung Bayern zu verlassen. In Innsbruck wird nicht zuletzt dank der Intendantin Brigitte Fassbaender die ganze Spielzeit über hochwertiges Musiktheater angeboten, im Sommer locken die Festwochen Alter Musik; nur wenige Kilometer außerhalb der Landeshauptstadt lädt Hall (der Name leitet sich aus dem Salzvorkommen her) mit einem Schwerpunkt zu Ostern ebenfalls musikalisch ansprechend zur geistigen Einkehr. Noch ein Stück weiter den Inn flußabwärts lohnt es sich, von Mitte bis Ende September eine Station in dem alten Silberstädtchen Schwaz einzulegen. Das reichhaltige Programm der dortigen "Klangspuren" kann hier nicht einmal ansatzweise gestreift werden - es findet jedenfalls seinen Höhe- und Schlußpunkt in einer zweitägigen Pilgerwanderung mit Kompositionen des längst auch in Deutschland etablierten jungen Österreichers Klaus Lang über solche der "Altmeister" Klaus Huber und Wolfgang Rihm bis zum viel gespielten Enno Poppe.
Wer dennoch weiter Richtung Rosenheim muß, wird - ob von der Autobahn aus oder aus dem Zugfenster blickend - die mächtige Burganlage der österreichischen Grenzstation Kufstein nicht übersehen. Einer Einladung der dort beheimateten Fremdenverkehrsorganisaion "Ferienland" darf er guten Gewissens folgen. Am Ort kann er einer allfälligen Operettenleidenschaft frönen; Franz Lehárs "Die lustige Witwe" wird in diesem Jahr in der Burgarena gegeben. Er kann am Blumenkorso Ebbs teilnehmen, ebendort den Fohlenhof und Raritätenzoo besuchen, den einen oder anderen Aussichtsberg erklimmen und sich in einem der außergewöhnlich gastfreundlichen Wirtshäuser laben. Und er sollte das Passionspielhaus Erl nicht nur als ungewohntes Bauwerk inmitten der Kuhweiden von der Ferne betrachten.
Aus der Distanz gesehen, mag der dem Bollwerk in Kufstein nicht unähnliche Turm auch insofern Verwirrung stiften, als er in seiner örtlichen Zugehörigkeit nicht eindeutig feststellbar ist. Das österreichische Bundesland hat man schon verlassen (oder, aus der Gegenrichtung kommend, noch nicht erreicht), von deutscher Seite aus versperrt der Inn die nahe scheinende Zufahrt. Eine gewisse Abgeschiedenheit ist aber auch von Vorteil und dank der vom "Ferienland Kufstein" organisierten Shuttle-Busse zu den Opernaufführungen kein wirkliches Problem. Erst im Jahre 1998 ist der österreichische Ort über das nur alle paar Jahre - das nächste Mal 2013 (dann bereits seit 400 Jahren) - dargebotene Passionsgeschehen hinaus zur Festspielstätte geworden.
Nicht groß gefeiert werden und wurden jene Jubiläen, die sich heuer sowohl mit dem Aufführungsort der von dem in Deutschland nicht zuletzt von seiner Tätigkeit als GMD der Oper Bonn her bekannten Gustav Kuhn ins Leben gerufenen "Tiroler Festspiele" als auch mit dem Haus selbst in Verbindung bringen lassen. Auf dem Programm standen in diesem Jahr neben Ludwig van Beethovens einziger Oper "Fidelio" und einer Neuinszenierung von Richard Wagners "Die Meistersinger von Nürnberg" die "Elektra" von Richard Strauss: Vor sechzig Jahren ist der Komponist verstorben, vor achtzig Jahren der Textdichter und Librettist Hugo von Hofmannsthal, noch einmal zwanzig Jahre zurück verzeichnet das damals Königliche Opernhaus Dresden die Uraufführung des epochalen Stücks.
Um das Gedenken an den - nicht unumstrittenen - Tiroler Freiheitshelden Andreas Hofer kommt man auch hier nicht herum. In einem nahen Gasthaus hat der Kämpfer um die politische Unabhängigkeit seines Heimatlandes vor gerade zweihundert Jahren seine Mitstreiter verköstigen lassen. Der Festzug vor fünfzig Jahren hat die später neben dem ebenfalls 1959 (für die damals gewiss horrende Bausumme von 8 Millionen Schilling, heute der geradezu lächerlich erscheinende Betrag von nicht einmal eine halbe Million Euro) errichteten größten Parterretheater Österreichs aufgestellte Dornenkrone mitgeführt. Der damals knapp dreißigjährige Architekt Robert Schuller hatte dieses zum Wahrzeichen von Erl gewordene Gebäude entworfen. Errichtet wurde es an Stelle eines 1933 durch einen Brand vernichteten, ab 1909 (also vor 100 Jahren) errichteten Hauses, das mit einem Fassungsvermögen von 1700 Zuschauern immerhin um 200 über den heutigen Möglichkeiten lag.
Gerade rechtzeitig, bevor der österreichische Maestro auf die Idee kam, dieses markante Theaterhaus auch außerhalb der Passionsjahre zu nutzen, wurde 1997 ein großzügiger Buffetbereich errichtet. Inmitten eines festlich gestimmten Publikums, teilweise sogar in großer Garderobe, darf man - auch angesichts der schwerpunktmäßig auf das Schaffen von Richard Wagner (der ganze "Ring", "Tristan und Isolde" und "Parsifal" hat die Anhänger dieses Komponisten in den letzten Jahren nach Erl reisen lassen) konzentrierten Spielplans - fast ein bißchen an Bayreuth denken. Die Eintrittspreise lassen sich freilich überhaupt nicht vergleichen. Im fränkischen Festspielhaus kann man um rund € 25,--, abgesehen von noch billigeren Hörplätzen, bereits Einlass finden; in Erl erhält man für dieses Geld in der billigsten Kategorie nur Karten für eines der Konzerte: Die Fans von Gustav Kuhn werden von ihm auch dort "bedient"...
Womit keineswegs gesagt sei, der Eintritt lohne sich nur für diese offensichtlich zahlreich vorhandenen Gäste. Wenn man die eine oder andere aktuelle Aufführungskritik nachliest, könnte dieser Eindruck tatsächlich gewonnen werden. Da wird einmal das Fehlen von Übertiteln bemängelt - eine inzwischen grassierende Unart bei Aufführungen ohnehin in der Landessprache, und auch manches andere beanstandet, was gerade die Stärke dieser Festspiele ausmacht. Hat der, aus welchen Gründen auch immer offensichtlich frustrierte Rezensent eigentlich bemerkt, mit welcher geringen Anzahl von Chormitgliedern ein Klang hervorgebracht wird, der in seiner Homogenität von jenem der Wiener Staatsoper etwa nicht immer erreicht wird. Unter den Solisten sind es gerade die jungen, noch unbekannten, deren Gesang der unvoreingenommene Zuhörer mit besonderem Vergnügen lauscht.
Der Vorwurf, "Die Meistersinger von Nürnberg" in Erl habe nur verstanden, wer das Stück gut kennt, ist völlig aus der Luft gegriffen. Viel mehr gibt es nur selten Aufführungen dieser infolge seines doch eindeutig deutschnationalen Charakters nicht unproblematischen Oper, bei denen derart wortdeutlich artikuliert wird als hier in der Kirchenszene des ersten Aktes von Andreas Schagerl (David), Maria Gessler (Eva) und Hermine Haselböck (Magdalena). Wer sich in der bestenfalls Stichwortgeber-Rolle des Meisters Hans Schwarz einen - in jeder Hinsicht - gewichtigen Sänger wie Dirk Aleschus leisten kann, den wird der Vorwurf einer angeblich nicht festspielmäßigen Aufführung kaum treffen.
Sicher, der Walther von Stolzing ist in Gestalt und Stimme von Michael Baba ein nicht besonders feuriger junger Ritter, für einige der Meistersinger-Darsteller besteht die im Werk angeblich vorherrschende Komik, die doch nicht selten eher Böswilligkeit ist, im kräftigen Outrieren. Glücklicherweise nicht bei Martin Kronthaler als Sixtus Beckmesser und auch der Hans Sachs von Oskar Hillebrandt konnte wenigstens im zweiten Akt Profil zeigen.
Was er nach dem Willen des regieführenden Dirigenten Gustav Kuhn nicht zeigen durfte, war sein Schusterhandwerk: Statt mit dem Hammer auf den Leisten schlagend das nächtliche Ständchen des Herrn Stadtschreibers zu stören, mußte eine rotgewandete Trommlerin die vom Komponisten vorgesehenen Schläge ausführen!
Prächtig dagegen der Einfall, die Auftritte der Zünfte von Kindern aus Erl ausführen zu lassen. Weniger jener der scheinbar beliebig ihre Kostüme zwischen Alltagskleidung und eher an den Mainzer Karneval erinnernden Tracht wechselnden und sich eher beliebig auf der Spielfläche zwischen Zuschauerraum und Orchestertribüne bewegenden Mitwirkenden.
Wer das Glück hat, den vor inzwischen über vierzig Jahren verstorbenen Komponisten-Enkel Wieland Wagner in Bayreuth oder anderswo erlebt zu haben, wird sich vielleicht an seine immer getrennt genannte Arbeit erinnern - Regie und Inszenierung hieß es damals. Daran fühlt man sich in Erl erinnert, wobei letzteres sich hier in mehr oder weniger geschickten Arrangements erschöpft.
Sehr wohl aber werden die Charaktere der dargestellten Bühnenfiguren zumeist durchaus überzeugend getroffen, die Personenregie läßt so manche Rolle in einem zuweilen freilich auch ungewohnten Licht erscheinen. In der "Elektra" etwa den Aegisth (Richard Decker) als Tunte oder Klytämnestra (Martina Tomcic) als dem eigenen Geschlecht nicht abgeneigte, von schwerer Krankheit gezeichnete Frau.
Unterschiedlich waren die musikalischen Eindrücke der beiden szenischen Darbietungen. Den ebenfalls auf dem diesjährigen Programm stehenden "Fidelio" von Ludwig van Beethoven konnte der Unterzeichnete nicht sehen. Im Falle der Strauss-Oper mußte man sich daran gewöhnen, dass der als Dirigent leider unbeteiligt wirkende Gustav Kuhn die Partitur als Nachklang eines "romantischen" Komponisten aufgefasst hat. Ungleich kraftvoller gelangen ihm und seinen Musikern das Wagner'sche Opus.
Ein Lob noch den Chören, dessen Leiter bei den "Meistersingern" im Programmheft nicht genannt wurde und neben dem David von Andreas Schagerl - ein Lehrbub von solchem Format war seit den Jahrzehnte zurückliegenden Tagen eines Erwin Wohlfahrt kaum zu erleben gewesen - der Chrysothemis von Michela Sburlati. Nur schade, dass man bei ihr tatsächlich kaum ein Wort verstehen konnte.
Da half die vorangehende Lesung des "Elektra"-Textes durch Franz Winter ungemein. Im Grund war diese spannender als die folgende Opernaufführung.
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