Strawinsky-Projekt II

Premiere

Datum:
20.06.2009 
Institution:

Oper Leipzig
Location:
Opernhaus
Ort:
Leipzig
 (Sachsen)
, Deutschland
Teilevent:
Oper Leipzig - AgonOper Leipzig - PetruschkaOper Leipzig - Les Noces
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Beschreibung Kritiken Produktionsteam

Beschreibung

Ballettabend zu Musik von Igor Strawinsky

FIREWORKS (Feu d’artifice): Ouvertüre

Das Leipziger Ballett präsentiert in seinem zweiten Strawinsky-Abend drei ganz unterschiedliche Wege, die Musik Strawinskys tänzerisch umzusetzen. „Petruschka“, die Geschichte einer russischen Puppenfigur, die sich unsterblich in eine Ballerina verliebt, ist als Handlungsballett angelegt. Paul Chalmers Choreografie in der Tradition von Michail Fokin führt uns zurück in die Uraufführungszeit des „Ballets Russes“, der legendären Kompanie Sergej Diaghilews, für die Strawinsky seine ersten und wichtigsten Musiken komponierte. „Agon“ dagegen markiert den Endpunkt der individuellen Entwicklung des Ballettkomponisten Strawinsky. In diesem Ballett aus dem Jahr 1957 kommt einmal mehr zum Ausdruck, dass George Balanchine, der durch die Gründung des New York City Ballets wesentlich zur Verbreitung des russischen Balletts in den USA beigetragen hat, zu Recht noch immer als einer der bedeutendsten Choreografen des 20. Jahrhunderts gilt. Die dritte Choreografie führt uns mit Mauro Bigonzettis Version von „Les Noces“ in die Gegenwart. Bigonzetti, Direktor Italiens führender Tanzkompanie Aterballetto, zeigt darin die Rebellion der Liebe gegen die starren Regeln der Gesellschaft.

Kritiken

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Kritik von Mariama Diagne

Tanz und Musik in Bewegung

Strawinsky Projekt II – eine Reihe bei dem der Direktor des Leipziger Balletts Paul Chalmer und die Oper Leipzig am 20. Juli 2009 zum zweiten Mal in dieser Spielzeit „in Form eines Zyklus“ mit den Kompositionen Agon, Les Noches und Petruschka ihre Auseinandersetzung mit den Bühnenwerken Strawinskys zur Premiere führen. Und auch in diesem Fall geht es hier um die Bewegung mit Musik, zur Musik, durch Musik.

Das Premierenpublikum erwartete während des Einlasses auf der Bühne ein großer weißer Bühnenprospekt, der auf Höhe des sonst Eisernen Vorhangs hing und eine marineblaue Signatur trug: Igor Strawinsky.

Mit dem Bild einer ‚Einladung‘ des großen russischen Komponisten des 20. Jahrhunderts, ließe sich ganz wunderbar das – akustisch willkürlich in das Einspielen der Musiker eingebettete – belebte Treiben des bunten Publikums beschreiben: Gäste verschiedenen Alters bewegten sich aufgeregt durch die Einlasstüren in den holzvertäfelten Saal. Sie beobachteten einander und diskutierten das Programmheft, dessen Lektüre den Leser inhaltlich mit Stückinformationen und aussagekräftigem Bildmaterial auf den Abend vorbereiten sollte.

Feuerwerk – einst wegebnende Komposition für Strawinskys weiteres Schaffen – verlangt Interpreten einiges ab an Esprit und technischem Können. Das Orchester der Oper Leipzig vermochte an diesem Abend mit jenen Attributen begeistern und präsentierte selbstbewusst ein Gespür für aufbrausende und zugleich phantasievolle Rhythmik. Funken bunter, orchestraler Klangfarben der Partitur drangen in den Zuschauersaal. Diese Interpretation hinterließ beim Premierenpublikum einen tiefen Eindruck und eröffnete rein musikalisch zugleich einen Erfolg versprechenden Tanzabend:

Agon stellt Tänzer auf ein ‚silbernes Tablett‘: technisch raffinierte Schrittfolgen mit schnellen Wechseln in Tempo, Raumposition und Partnerwahl erfordern nicht nur von den Zuschauern ein hohes Maß an Konzentration, sondern vor allem von den Tänzerinnen und Tänzern. Wirkten die reduziert gestaltete Bühne und die Kostüme zunächst schulmeisterlich, präsentierte sich eben durch diese eine überraschende Virtuosität. Das Leipziger Ballett stellte eine Transparenz und Klarheit her, die die innovativen Elemente Balanchines Neoklassik erkennen ließen und zugleich teilhaben ließen an dem Spirit, der in jener Zeit das Bild des All-American Girl und Boy der 1950er prägte: keck und ihre Präsentation verkaufend, erntet beispielsweise Oksana Kulchytska im zweiten Pas de Trois begeisterte Bravorufe für die sichere, elegante und zugleich verspielte Abschlusspose einer Variation aus Piqués und Pirouetten. Ein Tanz um den Kontrapunkt zwischen der Tänzerin und der Musik. Denn gerade an dieser Stelle musste Kulchytska Obhut bewahren, der verleitenden rhythmischen Führung des Orchesters zu folgen. Konträr hierzu der Pas de Deux von Itziar Mendizabal und Jean-Sébastian Colau: Mendizabal verkörperte genau die Art Ballerina, die Balanchine sehr zu schätzen schien: kühl, schön, faszinierend und zugleich dem Mann erhaben. Die individuelle Note, die das Leipziger Ballett dem Agon verlieh, führte jedoch stellenweise auch zu Unstimmigkeiten: vor allem in Bezug auf die Handbewegungen fiel auf, dass nicht immer ganz klar war, ob die Hände in einer eindeutig geflexten Haltung oder ‚quasi‘ entspannt positioniert sein sollten. Vor allem die geflexte Hand wurde bei den Tänzern häufig vernachlässigt und trübte somit das sonst äußerst stimmige, geometrisch harmonische Bild der Choreorgaphie.

Les Noches. Wie naheliegend ist es, den Ritualcharakter einer russischen Hochzeit aufzubrechen und daraus eine Art tänzerischen ‚Battle‘ zwischen Männern und Frauen zu kreieren, der in der Vereinigung eines auserwählten Paares mündet. Nicht ganz so einfach ist die choreographische Gestaltung eines solchen ‚Battles‘, bei dem zusätzlich die „Zweideutigkeit auf dem Höhepunkt einer Liebesbeziehung“ untersucht werden soll. Mit einer dynamischen, akrobatischen und zugleich sensiblen Choreographie näherte sich Mauro Bigonzetti jener Zweideutigkeit, in der zwei Menschen ihrem gesellschaftlichen Umfeld nur mit der Heirat den Beweis ihrer gegenseitigen Liebe liefern können. Abstrakt und reduziert ist Nijinskas Les Noches bereits 1923 gewesen. Auf der dunklen, mit 20 eisernen Stuhlkonstruktionen bestückten weiten Bühne der Oper Leipzig, war die einst russisch hochzeitliche Tradition nur noch in den Verzierungen und Stickereien der schwarzen Kostüme zu erkennen. In grotesk wirkenden Gesten verformten die Tänzerinnen und Tänzer ihre Körper, spielten mit den Bühnenelementen – Stahltafel und Stahlstühle – und passten sich jenen Objekten an, um sich dann mit einer sprunghaften Energie aus den verbogenen Körperposen zu lösen. In besonderer Erinnerung bleibt der sanfte Ausklang: Im Still ruhten Tänzerinnen und Tänzer stehend vor den in einer Reihe platzierten, wippenden Stahlstühlen. Als letzte Elemente jenes Battles bewegten sich schließlich Tisch und Stühle – angestrahlt von einer Lichtflut aus den Kulissen – durch die Lichtspiegelungen auf ihrer glatten Oberfläche. Ergriffen von diesem Tableau Vivants honorierte das Publikum Les Noches mit tosendem Beifall.

Petruschka kann nur dann wirken, verzaubern und Seelen bewegen, wenn vor allem durch Mimik und Gestik die Tragik der Figur Petruschka in Kontrast zu den commedia dell‘ arte Figuren Ballerina und Mohr und Jahrmarktsleute gestellt wird. Das bunte Treiben führte auch an diesem Premierenabend in eine fantastische Jahrmarktswelt. Mit anregend pantomimischem Spiel verwandelten sich die Tänzerinnen und Tänzer auf der Alexandre Benois‘ Entwürfen nachempfundenen Bühne zu russischen Dorfvolkbewohnern aus dem 19. Jahrhundert. Illusionistisch ‚hingen’ José Urritia, Tatjana Paunović und Emilijus Miliauskas als die drei Puppen Petruschka, Ballerina und Mohr an den Puppenständern im Theater des Zauberers. Die mimisch und gestisch grotesken Figuren – und bei Petruschka lässt sich hier nun wirklich von schauspielerisch fordernden Rollen sprechen – schienen Tatjana Paunović und Emilijus Miliauskas auf der Bühne beinahe auszuleben. Die schauspielerisch stärkste und zugleich schwierigste Rolle der ‚lebendigen‘ Puppe Petruschka, überzeugte aber leider nicht ganz. Lag es nun an einer nicht ganz ausgereiften Choreographie Paul Chalmers, oder an einer nicht wirklich überzeugt verkörperten Rolleninterpretation von José Urritia? Auffällig blieb bis zum Ende des Stückes, dass die Trauer in der Figur Petruschka, ausgelöst durch das Joch des Zauberers und die hoffnungslose, nicht erwiderte Liebe zur Ballerina, an diesem Abend nicht vermittelt werden konnten. Die Bewegungen eher andeutend, nicht mit aller Verzweiflung – die in ihnen stecken sollte – ausführend, hämmerte Petruschka mehr hastig als insistierend an die Wände seines ‚Käfigs‘. Dass er ebenso gegen eine imaginäre Wand hämmert und vor allem seine Seele aus dem nicht sichtbaren Gefängnis des Zauberers befreien will, kam nicht zum Ausdruck. Das mit hoher Geschwindigkeit an dem Zuschauer förmlich vorbeirauschende Stück verlor in diesem Punkt seine wichtigste Bedeutung. Im Vergleich zu den beiden ersten Stücken reagierte das Publikum schließlich mit mäßigem Applaus auf die an diesem Abend emotional leider schwache Wirkung von Petruschka.

Insgesamt verwöhnte die Premiere Strawinsky-Projekts II ihr Publikum mit einer herausragenden Leistung des Ensembles des Oper Leipzig. Den Tänzerinnen und Tänzern muss hier eine besondere Anerkennung ausgesprochen werden: für ihren tänzerisch, musikalisch und pantomimisch künstlerischen Beitrag der gerade dazu aufforderte, das Ballettensemble sowie das Orchester der Oper Leipzig erneut auf einer Reise durch Strawinskys Oeuvre zu begleiten.

Produktionsteam

Komponist

Webseite

Event-URL: www.oper-leipzig.de/leipziger_ballett.ht ...  (30.05.2009)
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