Kritik von Mignon Gräsle
Hochhuths Buch, der Stücktext mit vielen Erläuterungen, Anmerkungen, kleinen Neuigkeiten und ausgiebigen Regieanweisungen liest sich nicht uninteressant, und auch recht lebendig, vorausgesetzt man schafft es, sich zur Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg zu überwinden. Neues erfährt man nicht unbedingt, das Stück ist ja auch schon zwanzig Jahre alt, so die Kriegslüsternheit aller Beteiligten und die anschließenden Massaker.
Aber wie wird aus dem Lesestück ein spielbares Stück? Gar nicht, weil die Entstehungsgeschichte des Ersten Weltkriegs allenfalls ein Streitpunkt für Experten ist.
Hochhuth sucht nach der historischen Wahrheit, wie intrigiert wurde, um Kriegsgründe zu haben, von allen maßgeblich Beteiligten. Die psychologische Seite, mit welchen Überzeugungsleistungen die Regierungen und die Parteien ihre im Grunde genommen unzufriedenen Völker zum Krieg brachten, könnte mehr Beachtung erfahren. Deutschland hatte eine Monarchie mit Dreiklassenwahlrecht, ein ungerechtes Bildungs- und Erziehungssystem. Kaiser Wilhelm bevormundete die Kunst usw.
„Dieser Totentanz ist von einem glühenden Pazifisten geschrieben, der vor neuem Nationalismus und einem Dritten Weltkrieg warnen will. Hochhuth ist zugleich Moralist, der die Welt einteilt in zwei Klassen: die Kriegsmacher (Diplomaten, Kabinette, Militärs, Rüstungsfabrikanten) und die, die den Krieg erleiden, die Soldaten, die zu Zehntausenden sterben, verwundet oder Krüppel werden, und ihre Angehörigen, Väter und Mütter, Frauen und Kinder. Pfarrer und Lehrer erziehen zum Gehorsam; der Tod aber als Gefallener fordert: "Gehorcht nicht!" Was die "Anstifter" angeht, so stellt sich die Frage nach der Verantwortung für den Krieg, nach der "Kriegsschuld". (Fritz Fischer, in: Die Welt, 10.10.1989, nachgedruckt im Programmheft)
Nur Pfarrer und Lehrer erzogen in der Kaiserzeit zum Gehorsam? Ein repressives Gesellschaftssystem braucht auch entsprechende Untertanen. Es gärte zwar unter Wilhelm II., die Monarchie hatte sich abgewirtschaftet, aber das allgemeine Vaterbild ähnelte doch ziemlich dem obersten Patriarchen. Martialische Väter und ergebene, kuschende Mütter, die autoritären Pfarrern, Lehrern und Lehrherren nichts in den Weg legten. Wie oft wurde Jungs der Name "Wilhelm" gegeben!
Die Inszenierung sollte in der Probebühne des Berliner Ensemble stattfinden, musste aber in die Urania verlegt werden. Wo sie aber auch rein passt, in diesen etwas feierlichen großen Saal, und zu deren Bildungsanspruch. Hochhuths konventioneller Inszenierungsstil wäre im BE baden gegangen. In der Urania hat das Stück seine Anhänger gefunden, aber nicht bei der Berliner Theaterkritik.
So ganz laienhaft und unprofessionell ist die Aufführung auch wieder nicht. Sie ist schon, mit musikalischer Untermalung, recht atmosphärisch, und die Schauspieler spielen gut, nicht laienhaft.
Im ersten Bild, als Madame Caillaux mit sechzig Zentimeter langer wippender Feder am Hütchen Herrn Calmette mitteile, ihn jetzt zu erschießen, und die Leiche für tot befunden und weggeräumt wird, kommt wohltuende Ironie auf - absichtlich?
Das der Beweglichkeit geschuldete Bühnenbild besteht aus Projektionen und einzelnen spärlichen, wirkungsvoll eingesetzten Requisiten. Der Anspruch auf Sinnlichkeit, den man ja an ein Theaterstück quasi stellt, kommt nicht so richtig auf seine Kosten. Da freut man sich schon über Unerwartetes, wenn sich z.B. eine Akteurin etwas im Vorhang verheddert, und sich elegant wieder heraus löst.
Mit viel Ironie und Spielfreude, die Totentanzeinlagen zwischen den Bildern der mexikanischen Respektlosigkeit dem Tod gegenüber angenähert, hätte mehr daraus werden können. Aber die historischen Fakten, die Hochhuth anführt, interessieren nicht so sehr, und die Szenen, wo Frauen, als moralisches Gewissen, Bedenken anmelden, die Verzweiflung Clara Habers, und die im Wasser treibende Todgeweihte berühren eher peinlich, psychologisch auch nicht wirklich stimmig.
Im ersten Bild erschießt die Gattin des französischen Finanzministers Joseph Caillaux den Chefredakteur des "Figaro" Gaston Calmette, und erledigt damit beide, wie der dazu kommende Caillaux lakonisch feststellt. Caillaux wäre eine mögliche kriegsverhindernde Person gewesen. Er wollte als Staatsoberhaupt den Sozialistenführer Jean Jaurès zum Außenminister machen. Churchills Geheimdienste hatten ihre Hände im Spiel, indem sie Calmette indiskrimierende Briefe der Gattin Caillaux zuspielten. Calmette zielte darauf ab, Caillaux politisch zu erledigen, was im Sinne und im Dienste Englands war. Churchill wollte, nach Hochhuth, das Deutsche Reich militärisch ausschalten, und dazu waren ihm alle Mittel recht.
Im zweiten Bild warnt König Edward VII. den schon sehr alten Kaiser Franz Josef von Österreich-Ungarn vor dem deutschen Kaiser. Aber dieser, alt und starrsinnig, hält die Deutschen für so gefährlich, dass er sich lieber mit Deutschland verbündet, als eine Gegnerschaft zu riskieren.
Im dritten Bild beraten sich die Generäle über die vom Geheimdienst empfangenen Informationen, und es wird ihnen doch etwas mulmig bei so vielen Gegnern, England, Frankreich, Russland.
Im vierten Bild plaudert Churchill mit seiner extravaganten Mutter über den Plan die „Lusitania“ mit Munition zu beladen, und möglichst viele amerikanische Bürger mitfahren zu lassen, damit die Deutschen das Schiff versenken, und die Amerikaner empört in den Krieg eintreten. Die Staatsräson geht vor, auf seine Mutter hört er nicht.
Im fünften Bild wird Émile Zolas Kamin verstopft, damit Zola als einflussreicher Schriftsteller an Kohlenmonoxyd stirbt. Der bezahlte Täter gerät anschließend in Verzweiflung, weil er gesagt bekommen hatte, es nur mit einem quasi vogelfreien, sozusagen zum Abschuss freigegebenen, Juden zu tun zu haben.
Im sechsten Bild wird der österreichische Thronfolger ermordet. Ein Telegramm geht nach Belgrad: Beide Pferde gut verkauft!
Im siebten Bild wird zusammen mit Kaiser Wilhelm II. überlegt, mittels des Schlieffenplans, Frankreich blitzartig zu erledigen, bevor man sich an Russland heran macht.
Im achten Bild wird der französische Sozialistenführer Jean Jaurès erschossen. Der Täter wurde später freigesprochen, genau wie zuvor Madame Caillaux. Die Justiz machte anscheinend Politik.
Im neunten Bild hält der Waffenfabrikant Stimson, beschäftigt mit seiner Kunststiftung, seine Tochter davon ab, mit der Lusitania nach Europa fahren zu wollen. Die Tochter wirft ihm die Kriegstoten vor. Er antwortet, auch in der Bibel ginge es nicht friedlich zu...
Im zehnten Bild nimmt sich Clara Haber nach einem Gespräch mit ihrem Mann, dem Chemiker Fritz Haber, der das im Ersten Weltkrieg eingesetzte Giftgas entwickelt hatte, das Leben.
Im elften Bild kennt Kaiser Wilhelm II. keine Parteien und keine Konfessionen mehr, und die Völker ziehen wie Lemminge in den Krieg.
Zu dem allerneuestem Stück Hochhuths: fristlose Kündigung für das BE! Da geht einem ja der Hut hoch!
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