„Sie werden kein Schauspiel sehen“, so Peter Handke in seiner Vorrede, „Sie werden kein Spiel sehen. Sie werden hier nichts sehen, was Sie nicht schon gesehen haben.“ Ein Theater ohne Handlung, ein Theater ohne Geschichten? Ausgerechnet heute, wo wir uns zwischen Twin Towers und Topmodels mehr denn je nach großen Tragödien sehnen, nach gestürzten Helden, nach großen Liebesgeschichten, nach festen Werten und Koordinaten für unser Leben. Das Theater liefert diese Bilder, diese Vorlagen, nach denen sich der Einzelne sehnt und mit denen er sich identifiziert. Was bliebe von einem Theater übrig, das kein Spiel mehr ist, in dem Figuren keine Figuren, sondern nur noch Sprecher sind?
Das ist, was bleibt: Eine überflutende Improvisationsschleuder, die permanent mit unser aller Überforderung spielt und die Publikum wie Schauspieler andauernd zu Komplizen macht. „Publikumsbeschimpfung“ wird heute, 40 Jahre nach der Uraufführung, auf anderer Ebene zum Tabubruch, ist dauerndes Herstellen, Verwerfen und Wiederherstellen des wahren Moments. Was uns berauscht und was uns Lachen macht, ist die Große Lüge, die neben der Großen Wahrhaftigkeit steht. Sie bedeutet Komödie: Sinnlichkeit, Erotik, Spaß, Emotion und Leidenschaft. Timing. Die Große Überflutung.
„Sie werden sehen, was Sie sonst nicht gehört haben.“ Ein Spiel mit Wahrnehmung und Illusion, mit der Bilderflut der medialen Gesellschaft: Zeigen, was hinter dem Schein und zwischen den Zeilen ist, was scheinbar jeder kennt, aber tatsächlich nie wahrgenommen hat.
Michael Billenkamp
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