Kritik von Heide Lazarus
Urlaubszeit. Vieles wird "danach" erledigt. Erinnerung ist wichtig - für die Erlebnisse der Urlaubszeit, damit man lange davon zehren kann und für die Erledigung der Aufgaben, die man vor den Ferien nicht geschafft hat. Dazu kommt, dass es immer ein Wagnis ist, aus der Erinnerung heraus ein Bühnenereignis zu beschreiben - egal ob ein paar Stunden oder Tage später.
In diesem Falle geht es um die Erinnerung an einen Abend Ende Juli im Festspielhaus Hellerau - im linken Seitenstudio, dem „Dalcroze-Saal“. Von diesem Raum ist nichts erfahrbar. Vielmehr kommt man in einen Niemandsraum, weiß verschalt, die Zuschauerbänke wie üblich nach hinten aufsteigend, distanzlos an die erste Reihe der Bühne anschließend. Die "Bühne" ist ein installativer Performationsraum, der in ‚Bodenhaftung’ bespielt wird. Sie ist gleichgroß dem Zuschauerraum und ein mit allen möglichen angehäuftem Mobiliar, Spiegeln, geplotteten fratzenhaften Gesichtern und Kostümständern ausgestatteter Raum. Links zwei Tische mit Stühlen, die sich gleich zu Beginn der Vorführung als Schminkplätze entpuppen und sich somit der Bühnenraum als Bühnengarderobe entpuppt. Modernes Theater, der TänzerSchauspieler kommt in einer Rolle auf die Bühne, spielt dem Publikum seine Verkleidung vor, kommt somit in Kommunikation mit diesem und verlässt als ein Dritter wieder die Bühne. Die Auf- und Abgänge erweitern den bizarr arrangierten Innenraum zum Sehen und Hören, zu einem Unabgeschlossenen Raum des imaginierten Hörens. Zuschauer- und Darstellerraum sind in Γ-Form umschlossen, der geometrisch großgezogene Schminktisch. Die den Zuschauern gegenüberliegende Wand existiert jedoch nicht. Somit ist die Hinterbühne sichtbar und wird zu solistischen Tanzeinlagen und opernchorähnlichen Auftritten verwandt.
Wahrscheinlich wird improvisiert … mit Entertainment. Die Stardarstellerin des Abends, Yoko Ando, betritt als erste die Bühne und beginnt das Klamauk-Spiel um Verkleidung, Anpreisung, "Inspiration" (mit Lichtgeflacker), Lautstärke, Geschrei, Theaterlachen und Theaterräuber. Es ist ein groteskes Feuerwerk um Begriff und Realität von "Art". Wortgruppen und Sätze wie „art is a art ... is a de-part ... is a avant-g-art’ werden immer wieder gewendet, neu zusammengesetzt, rausgeschrieen und vom Publikum mit Lachen goutiert. Das „I’am yoko-o-...NO!-Wortspiel“ darf da natürlich am Ende nicht fehlen, wenn es auch überflüssig war für diejenigen, die keine eingeweihten Forsythe-Fans waren und somit erst nach Lesen des Programmheftes den Witz verstanden. In der Mitte des Stücks treten die genannten Theaterräuber in Erscheinung. Flackert hier Forsythes offenbare kinematographische Bezugnahme auf die neuen Schnulzenfilme der Karibik? Oder ist es die Erinnerung an alte Opernzeiten? An Brecht und sein Spiel mit den Möglichkeiten lokaler Imagination, Szenenschnitt, verfremdendem Entertainment und eingängigen Gassenhauern? Oder an den Chor wie dem vom Fliegenden Holländer, der aus dem Off kommt und ins Off verschwindet und diesen unsichtbaren Raum durch seinen Gesang imaginär "sichtbar" macht?
Hier scheint Tanz an sein Ende gekommen zu sein. Der legendäre Nijinski-Sprung durchs Fenster ins Off oder die ins unbestimmt Endlose verweisende Ballettgesten der Hände und Füße haben mit der Imagination des unsichtbaren Raumes ebenso tänzerisch gespielt. Aber der nahe oder ferne Ort war nie lokalisierbar. Dies ist der Stimme möglich und den Requisiten. So verwandeln sich denn die Theaterräuber in Sportler - Tennisspieler. Da diese Komposition aber offenbar nicht das tragende Element des Stücks war, wurde diese Ebene eher angedeutet, denn ausgelotet. Ausgelotet sollten offenbar nicht die räumliche Wahrnehmung des Theater-Bühne-Publikum-Komplexes, sondern die Entertainment-Vielfalt der Tänzerin Yoko Ando und die Definition von Kunst auf der Grundlage ihres Business werden. Kunst ist Kunst, wenn Kunst ihren Markt hat.
Forsythe und seine Crew kreieren entsprechend das Ende als eine nicht enden wollende, immer lauter werdende Modenshow oder eine CSD-Parade. Auf dem imaginären Laufsteg, der von der leeren, großen, unbeleuchteten Hinterbühne durch die Garderobe direkt auf das Publikum gerichtet ist, werden die Rollen und Recycling-Kostümeinfälle dem Publikum von der Entertainerin ohne Umschweife angepriesen. Michael Jackson darf da in dieser Zeit natürlich nicht fehlen. Es ist lustig, den überbordenden Ideen zuzusehen und den Spaß der Macher zu erwidern.
Das als "neues Stück" zunächst angekündigtes und dann sich als "The Returns" herausgestelltes ist keines, was man "kennt", bevor man es sich ansieht. Versteckt es deshalb Forsythe auf seine Company-Webseite? Ist diese Arbeit für ihn nicht Tanz, sondern Theater? Es ist Theater. Ein Stück über Theater, was Regieeinfälle der 70/80er Jahre in schriller Zeitgenossenschaft sich anzueignen weiß. Es ist eine Materialschlacht der Kostümeinfälle und Rollenzuweisungen. Und es ist ein leichtes Stück, was den Machern offenbar Spaß macht zu spielen und dem Publikum anzusehen. Es ist ein Regiestück, das die eigenen tänzerischen Kreationen lediglich zitiert, von seinen Darstellern theatralische Rollenperformance verlangt und sketch- und revueartig die Möglichkeiten des Theaters feiert.
Eine Empfehlung für Bayreuth? Immerhin haben dort mittlerweile alle Theateravantgarden der Gegenwart inszeniert - zum Teil als Eintrittskarte in die Opernwelt. Choreografen sind noch nicht engagiert worden, auch wenn diese mittlerweile von der Kritik tatkräftig unterstützt als Opernregisseure tätig sind und so dem Schlachtruf des „neuen Tanzes“ der 20er Jahre, „Die Eroberung des Theaters vom Tanz her“, zu verwirklichen scheinen. Aber eventuell wird hier auch eine andere Parallele des Ballettomanen Forsythe sichtbar: Balanchine hat dieses Jahr seinen 105. Geburtstag.
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