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Theater als Wirtschaftskrisendarsteller und Utopiesucher. Das Trierer Festival ‚Maximierung Mensch 3‘ überzeugt mit klugen Konzepten und starken Inszenierungen
Wirtschaftskrisen-Theaterfestivals in Trier und Berlin
Das Berliner Theatertreffen 2010 setzte bei seiner Auswahl ganz auf Stücke und Inszenierungen, die sich den öffentlichen und privaten Szenarien der Wirtschaftskrise widmen. Die Leistungsschau des deutschsprachigen Theaters versammelte Inszenierungen von Elfriede Jelineks ‚Die Kontrakte des Kaufmann‘, Dea Lohers ‚Diebe‘, Hans Falladas ‚Kleiner Mann was nun‘ und sieben weitere Produktionen, in denen Menschen mit den Zumutungen des kriselnden Kapitalismus konfrontiert werden. Das alljährliche Berliner Theatertreffen hat den Anspruch, die bedeutendsten Theaterarbeiten der vergangenen 12 Monate im Monat Mai in der Hauptstadt zu versammeln. Dass es sich bei den wichtigsten Inszenierungen des vergangenen Jahres um theatralische Auseinandersetzungen mit der nahezu alles dominierenden Wirtschaftskrise gehandelt haben könnte, überrascht angesichts der allgemeinen Lage kaum.
Überraschender hingegen ist, dass das eher kleine doch konzeptionell umtriebige und hellwache Trierer Stadttheater im Juni des Jahres 2008 zusammen mit der Universität Trier ein Theaterfestival ins Leben rief, das man programmatisch ‚Maximierung Mensch‘ nannte. Hier war schon vor dem massiven Ausbruch der Finanzkrise und vor der Lehman-Brothers-Pleite (im Herbst 2008) der Anspruch formuliert worden, nachzuschauen wie die zeitgenössischen globalisierten Wirtschaftsweisen samt ihrer Wirkungen auf die Menschen im Theater reflektiert werden können. Die Konzeption des Festivals war ziemlich schlicht und ziemlich gut: der Chefdramaturg des Trierer Theaters, Peter Oppermann, suchte aus aktuell laufenden Inszenierungen zeitgenössischer Stücke diejenigen aus, die zu dieser Thematik etwas zu sagen haben. Dabei musste sich das Trierer Stadttheater auf die Einladung von drei mittleren Theatern beschränken, da die großen Metropolenhäuser - trotz Subvention des Festivals durch die Rheinlandpfälzische Landesregierung - nicht einzukaufen waren. Das Trierer Theater besorgte eine Erstaufführung eines einschlägigen Dramentextes; 2008 war dies Tom Lanoyes ‚Festung Europa‘. Und die Literaturwissenschaftsprofessorin Franziska Schößler organisierte mit ihrer Mitarbeiterin Christine Bähr ein wissenschaftliches Symposion, auf dem sich Soziologen, Literatur-, Theater- und Medienwissenschaftler über die Ökonomie in Theaterstücken sowie über die Ökonomie des Theaterbetriebs recht anregend austauschten. Aus dieser das Festival 2008 wissenschaftlich flankierenden Tagung ging ein Buch hervor: Ökonomie im Theater der Gegenwart; herausgegeben von Franziska Schößler und Christine Bähr. Es kann als Grundlagenwerk zur nunmehr so ungemütlich aktuell gewordenen Frage nach den Positionen des Theaters zur Wirtschaftskrise und nach der Positionierung der Theater in der Wirtschaftskrise gelten.
Da das erste sich über fünf Tage erstreckende Maximierung-Mensch-Festival so überzeugend gelang, gab es im folgenden Jahr eine Fortsetzung die sich dem zeitgenössischen Musiktheater widmete. Jetzt war in der dritten Auflage des weiterhin vom Rheinlandpfälzischen Kultusministerium unter Doris Ahnen gesponsorten Festivals wieder das Sprechtheater dran. Das Theater Trier steuerte nun vier Produktionen selbst bei; das kommt einerseits vermutlich günstiger als viele auswärtige Einladungen und zudem ist man ja hier durch das erste Festival zum Spezialisten für die Wirtschaftsdramatik geworden.
Drei ganze und drei halbe Gastspiel-Produktionen
Dazu kamen die Gastspiele der Göttinger Inszenierung von Elfriede Jelineks derzeit vielerorts gespielter sarkastischen Wirtschaftskomödie ‚Die Kontrakte des Kaufmanns‘ sowie das bloß am Rande Wirtschaftsprobleme streifende Familiendrama ‚Der Mann der die Welt aß‘ von Nils-Momme Stockmann. Dem Shootingstar unter den jungen Theaterautoren gelang mit diesem Stück über einen aus Ehe und Karrierejob verzweifelt aussteigenden Sohn eines demenzkranken Vaters das seltene Kunststück, nicht nur eine der vielen Uraufführungen an den eventorientierten Theatern zu ergattern, sondern tatsächlich einmal ein neues Stück zu schreiben, das an mehr als zehn Theatern nachgespielt wird. In Trier hatte man die auf einer weißen, leeren Bühnenschräge weitgehend realistisch inszenierte Heidelberger Uraufführung des Stückes eingeladen. Das Stadttheater Heidelberg hatte den nun überregional reüssierenden Autor Stockmann auf seinem Stückemarkt 2009 entdeckt und bot in seiner Inszenierung feines Schauspieler-Theater, das Stockmanns psychologisch und sprachkünstlerisch versierte Dialoge über innerfamiliäre Gemengelagen mit Verve umsetzte. Wie ganz heutige Wiedergänger der Strindbergschen oder Ibsenschen Leidensdramen erscheinen Stockmanns Beziehungsszenen aus erkalteter und verletzter Liebe, aus Krankheit, Verstrickungen, Entfremdung und Verzweiflung.
In einer Lange Nacht der rheinlandpfälzischen Theater waren die umliegenden Theater aus Koblenz, Mainz und Kaiserslautern eingeladen, Auszüge aus zeitgenössischen Theaterarbeiten im Foyer der Trierer Theaters zu präsentieren. Auch dies ist eine bedenkenswerte Form einer eher schlichten Low-Budget-Zusammenarbeit und Vernetzung kleinerer Bühnen. Das Mainzer Staatstheater zeigte ‚Frau Merkel geht in Therapie‘, tituliert als ‚ein Krisenprojekt‘ von Helmut Köpping. Dieses selbstgebastelte Stück über biographische Fragmente aus der politischen Vita der amtierenden Kanzlerin schwankte zwischen witzigen Darstellungseinfällen zum Platzen von Spekulationsblasen und eher kleinkünstlerisch kabarettistischen Ein- und Ausfällen zu Ängsten, Nöten und Begegnungen einer Bundeskanzlerin in schwierigen Zeiten. Das Pfalztheater Kaiserslautern präsentierte einen Teil des Solostückes ‚Covergirl‘, in dem die Autorin Barbara Herold sich in die Innenperspektive einer amerikanischen Irakkriegssoldatin versetzt. Allerdings handelt es sich hier keineswegs um eine unbekannte Soldatin, sondern um die berüchtigte Lynndie England, deren Fotos als Folterknechtin im Gefängnis Abu Ghraib um die Welt gingen. Es ist einigermaßen qualvoll, sich nun die (von Hannelore Bähr vorgetragenen und verkörperten) phantasierten Rückblicke, Erklärungen und Selbstrechtfertigungen dieser gewiss unterprivilegierten Person anzuhören, die von Männern zu den Erniedrigungen der irakischen Gefangenen verführt worden sein will. Diese dramaturgische Aufstellung kreiert einerseits eindrückliches Monologtheater, andererseits profitiert ein solches Konzept natürlich gerade wieder von dem Krieg-Medien-Hype-Dispositiv, das es kritisieren möchte. Das Theater Koblenz ließ einen eher erzählerischen als theatralischen Text seiner derzeitigen Hausautorin Sibylle Dudek von vier Schauspielern lesen. Dudek spielt in der Pirandello-Nachfolge durch, wie sich verschiedene von einem Autor skizzierte, imaginierte oder angedachte Figuren weiterentwickeln könnten, wenn sie von ihrem Autor nicht weiter gestaltet wurden und nun in irgend einem ungemütlichen Szenario, etwa in einer Badewanne, vergessen im Wasser hängen.
Unmittelbar adressiert wurde die Bankenkrise mittels Jelineks als ‚Eine Wirtschaftskomödie’ tituliertes Stück ‚Die Kontrakte des Kaufmanns‘. Zwar hatte dieses Stück, das schon kurz vor der globalen Immobilien-, Banken- und schließlich Staatsfinanzkrise entstand, nicht die amerikanischen Pleiten und Betrügereien zum Anlass, sondern den Nepp von Kleinanlegern durch die österreichische Meinl-Bank. Doch wird das Stück, an dessen Text Jelinek auch nach der Uraufführung noch weiter schrieb und stetig neue Bezüge zum globalen Schlamassel des Finanzkapitalismus einfügte, weithin als das Drama zur aktuellen Krise wahrgenommen. Die in Trier präsentierte Göttinger Inszenierung von Tilman Gersch dauerte nur halb so lange wie die vierstündige Uraufführungskoproduktion aus Köln und Hamburg, die auch beim Berliner Theatertreffen gezeigt wurde. Doch wirkte diese druckvollere, straffere und komödiantischere Göttinger Produktion dramaturgisch und schauspielerisch noch zwingender als die von Nikolas Stemann inszenierte Uraufführung. Der Ort der Komödie war hier eine Hölle, in der Teufel und Engel schmierenkomödiantisch agierten. Ihre dynamischen Handlungen und Klagen wurden von einer Bachchoräle, Zirkusmusik und anderes vermischenden Schweineorgel vorangetrieben. Das Wechselspiel von komödiantisch agierenden Einzelschauspielern und unter die Haut gehenden Chorauftritten ließ Jelineks Text schlüssiger erscheinen als in Stemanns zerdehnter Revue. Das von René Polleschs Produktionen wohlbekannte Stilmittel des Schnellsprechens schadete Jelineks ebenfalls in Loops aus Sprachmustern und Kalauern kreisendem Text keineswegs. Die hier wie bei Pollesch auf der Bühne agierende Souffleuse kam nur selten zum Einsatz, wenn einer der Schauspieler die Textmassen nicht mehr erinnern konnte und schreiend Hilfe herbeirief.
Ein Jugendtheaterstück, ‚Traumjobs‘ von John Düffel, wurde in der Inszenierung des Pfalztheaters Kaiserslautern ebenfalls während des Festivals tagsüber aufgeführt. Die Kartennachfrage von Schulklassen war hier so groß, dass für den Festivalbeobachter kein Stühlchen mehr frei war. Daher können wir hier nicht richten oder berichten über die – thematisch naheliegende - Einbeziehung des Jugendtheaters ins Maximierung-Mensch-Festival.
Die vier Trierer Theaterproduktionen im Rahmen des Festivals
Das Trierer Theater steuerte vier Produktionen bei zu ‚Maximierung Mensch 3‘. Die bühne 1 der Universität Trier zeigte als Koproduktion mit dem Stadttheater ihre Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs ‚Auf der Greifswalder Strasse‘, die der Rezensent aus Termingründen nicht sehen konnte. Als Signature-Produktion für das Festival inszenierte der Trierer Intendant Gerhard Weber zusammen mit der jungen Regisseurin Judith Kriebel die Uraufführung eines gewaltigen Textes von Ulf Schmidt. Unter dem anspielungsreich witzigen Titel ‚Sich Gesellschaft leisten‘ hat Schmidt, studierter Philosoph und Kreativdirektor einer Werbeagentur, eine Utopie/Dystopie durchphantasiert, in der alle zwischenmenschlichen Beziehungen als geldvermittelte Tauschoperationen ausgehandelt und abgerechnet werden. Jedes Gespräch, jede Hausarbeit, jede Berührung und vor allem allerlei sexuelle Handlungen in ihren detailliert katalogisierten Spielarten werden je nach Angebots- und Nachfrage-Situation zwischen den Menschen vermarktet und bezahlt. Partner trennen sich, wenn sie bessere Angebote erhoffen oder erhalten. Berater in diversen privaten und beruflichen Lebenslagen bieten gegen Geld Hilfe und Empfehlungen an, müssen sich selbst freilich ebenfalls auf einem gnadenlosen Markt konkurrierender Dienstleister behaupten. Als letztes Zahlungsmittel dient der eigene Körper, den jeder und jede prostituieren kann oder muss. Die Schauspieler stecken in der Trierer Uraufführung in uniformierten blauen Business-Kostümen und tragen Krawatten. Der einzige Fremdkörper ist ein südlich aussehender Migrant, der kaum deutsch spricht, dringend einer Wohngelegenheit bedarf und als Außenseiter und mittelos Armer umgehend einem wütenden Gewaltrausch seines von der nervenzerreibenden Tauschgesellschaft verwundeten Mitbewohners zum Opfer fällt.
Ulf Schmidts Text ist in der Typoskriptfassung eine aus vielen nebeneinander arrangierten Textspalten bestehende Mammut-Partitur, in der die Mitspieler/Marktteilnehmer immer wieder mehrstimmig, gleichzeitig oder versetzt, chorisch oder polyfon ihre Angebote oder Nachfragen artikulieren und verhandeln. Der Autor hat den dramaturgischen Ablauf seiner ökonomischen Utopie an den fünf Levels des Computerspiel ‚Unreal Tournament‘ orientiert. Die einleuchtende Zugriffsweise der Uraufführung hat aus Schmidts Textmassen eine 90 minütige Trierer Fassung konstruiert, die sie in einer ehemaligen Maschinenhalle im Industriegebiet einrichtete. Als Spielort wäre angesichts der Dienstleistungsgesellschaft in ‚Sich Gesellschaft leisten‘ eher ein Börsensaal, eine Zeitarbeitsvermittlungsagentur, der Handelsraum einer Bank oder ein Bordell angemessen gewesen – doch sind diese Dienstleistungs-Räume in Trier vermutlich alle noch ausgelastet in Betrieb und stehen im Gegensatz zu einer Maschinenhalle dem Theater nicht zur Verfügung. Das Zusammenleben in Schmidts Sozialdrama (das eher eine postdramatische Partitur über postsoziale Zustände zu sein scheint) gleicht gerade auch im Privaten einem permanenten Börsenszenario. Nicht nur zeitnahe Tauschangebote werden ausgerufen und abgewickelt, es wird auch mit Optionen und Privat-Schuldscheinen gehandelt. Der Text ist ein ästhetisch anspruchsvoller Kommentar zur zunehmenden Durchökonomisierung aller Lebensbereiche. Das Stück passte wie ein Auftragswerk (das es nicht war) ins Konzept des Maximierung-Mensch-Festivals. Seine Trierer Uraufführung war ein gelungener Theaterabend; auf weitere Inszenierungen dieses ausladenden postdramatischen Textes darf man gespannt sein.
Ebenfalls an einem unüblichen doch absolut passenden Ort spielte Judith Kriebels Trierer Produktion ‚Rendezvous nach Kassenschluss‘. Spielstätte war eine Volksbank am Viehmarkt, wohin die Zuschauer nach einer so kurzen wie inhaltsarmen Promenade vom Theater am Karl-Marx-Haus vorbei geleitet wurden. Das Theater hatte der jungen Regisseurin und Autorin den Auftrag gegeben, sich in beliebiger Form einen Theaterabend zu Karl Marx auszudenken. Kriebel geht diese haarige Aufgabe überaus reflektiert und so geschichts- wie medienbewusst an. Anstatt irgendetwas Biographisches über den bald aus Trier verschwundenen Sozialphilosophen auf die Bühne zu stellen oder sich einen direkten Zugriff auf marxistische Bewegungen der Gegenwart oder auch auf das Scheitern staatssozialistischer Experimente zu erlauben, erfindet Kriebel lieber eine Rahmenhandlung, in der sie ihr eigenes Problem des angemessenen Umgangs mit Marx heute auf die Bühne (und das heißt hier ja: in den Genossenschaftsbank-Kassenraum) bringt.
Gezeigt wird also ein halbwegs ratloser doch gerne schreiender Film-Regisseur, der ein Filmprojekt über Marx und die Sozialrevolution heute drehen will. In verschiedenen Spielszenen werden komödiantische Versionen der Lehman-Bankenkrise allegorisch durchgespielt, protestierende Arbeitslose gezeigt, bewaffnete Banküberfälle der RAF nachgespielt und diese verschiedenen Bruchstücke sogleich immer wieder in Frage gestellt. Denn die Kunst-Aufgabe, ästhetisch und politisch angemessen auf Wirtschaftskrisen und soziale Bewegungen zu reagieren, ist alles andere als einfach. Scheinen die diversen Spiel-im- Spielszenen anfangs gelegentlich noch wie unbeholfenes Schülertheater, so überzeugt die kaleidoskopartige und durch mediale Rahmungen gebrochene Darstellungsweise von ‚Rendezvous nach Kassenschluss‘ doch zunehmend. So lustig die in Soap-Opera-Manier verfremdeten Banken-Fusionen und Betrügereien oder eine Kinderfassung von Marx‘ Mehrwerttheorie im Sendung-mit-der-Maus-Stil daherkommen, so treffend (ja: ergreifend) wirkt der Monolog, in dem sich die mitspielende Produktionsleiterin Kriebel in der Rolle einer bestens ausgebildeten, mehrfach diplomierten Praktikantin als eine devot willige, zu allem bereite Arbeitskraft anbietet. Selten dürfte die Generation Praktikum und ihre Schwierigkeiten auf einem kriselnden Arbeitsmarkt auf dem Theater prägnanteren Ausdruck gefunden haben.
Auch die hauseigene Studio-Inszenierung von Felicia Zellers Sozialarbeiterinnen-Stück ‚Kaspar Häuser Meer‘ war ein fulminantes Theatererlebnis. Franziska Gramss hatte diese dichte Sprachpartitur, in der drei Jugendamtsmitarbeiterinnen von den Zumutungen und Überforderungen ihres Jobs berichten, musikalisch und räumlich hoch verdichtet. Die drei in infantil-sportliche Kostüme gesteckten Schauspielerinnen waren die 90 Minuten in einem in 60er Jahre-Pop-Optik tapezierten Kasten von drei mal drei Metern gefangen. Wie die Damen vom Jugendamt, deren Kollege Björn vom Burnout erwischt wurde und ihnen nun seine 104 zu bearbeitenden Fälle hinterlässt, erst von Techno- und Ambientmusik begleitet Fragmente familiärer Verwahrlosung, häuslicher Gewalt, kindlichen Leids und amtlicher Überforderung im rhythmischen Solo- oder Chorsprechgesang vortrugen, um schließlich zu Wagner-Musik zu kollabieren, sich zu verrenken und an den engen Wänden zu kleben – das zeigte, wie man einen avancierten Text mit heikler Sozial- und Arbeitsthematik hoch stilisiert und doch emotionalisierend und anrührend umsetzen kann. Denn der Clou bei Zellers komödienhaften Sozialdrama besteht darin, dass die verwahrlosten, misshandelten und gestorbenen Kinder gar nicht auf die Bühne kommen, sondern nur als Fälle über die Perspektive der mit ihnen befassten und überforderten Amtspersonen zur Sprache kommen. Vanessa Daun, Sabine Brandauer und Antje-Kristina Härle setzten Gramss‘ ästhetisierte Lesart von Zellers Stück mit großem Körpereinsatz und hoher Sprechkultur um. ‚Kaspar Häuser Meer‘ wurde auch schon vom Berliner Gorki-Theater als Wiederaufnahme der Freiburger Uraufführung und von den Münchner Kammerspielen in ganz anderen, weniger artifiziellen, eher realistischen Bühnensprachen inszeniert. Die Trierer Aufführung kann sich im Vergleich mit den weitaus größeren Theatern wahrlich sehen lassen.
Podiumsdiskussion und Schreibwerkstatt
Eine von Peter Oppermann moderierte Podiumsdiskussion zwischen den Intendanten aus Trier, Heidelberg und Koblenz, den Autoren Ulf Schmidt und Sibylle Dudek sowie dem Regisseur Tilmann Gersch und der Literaturwissenschaftlerin Franziska Schößler suchte nach Perspektiven der zeitgenössischen Dramatik und des Theaters in der Wirtschaftskrise. Hier schwankte man zwischen den Selbstzweifeln, ob das Theater als bloßer Darsteller der Wirtschaftsprobleme den Konkurrenzmedien gewachsen sei, ob man sich gar als Krisengewinner fühlen dürfe, weil Theaterautoren und Inszenierungen den Kapitalismus schon länger kritisch beobachten als dies neuerdings ja sogar die FAZ tut, oder ob man sich verstärkt auf die konstruktive Suche nach Utopien und Alternativen zum schlechten Wirtschaften begeben sollte. Selbstredend gab es auch zur Frage nach der Aktualität von Klassikern und der Jagd nach neuen, gegenwartsnahen Theatertexten verschiedene Meinungen zu hören. Einig war man sich, dass die Theater als wichtige Orte kritischen und experimentellen Umgangs mit politischen und gesellschaftlichen Problematiken unverzichtbar seien.
Die Universität Trier, namentlich die mit hinreichend eigenen Theaterarbeitserfahrungen gesegnete Germanistikprofessorin Franziska Schößler, organisierte eine Schreibwerkstatt für Studierende zu Beginn des Festivals. Mit der österreichischem Wahl-Berlinerin Kathrin Röggla hatte Schößler eine der ästhetisch interessantesten und wirtschaftspolitisch aufmerksamsten Gegenwartsautorinnen als Dozentin gewonnen. Röggla hat schon seit längerem mit vielbeachteten Romanen, Stücken und Hörspielen über Schuldenwirtschaft (‚Draussen tobt die Dunkelziffer‘) oder mit diskurssampelnden Textcollagen über die Start-Up-Economy und die Consulter-Szene (‚Wir schlafen nicht‘) literarisch Position bezogen zu zeitgenössischen Wirtschaftsweisen. Der zweite Beitrag der Universität zum diesjährigen Maximierung-Mensch-Treffen bestand in einer eintägigen Tagung zum Thema ‚Die Finanzkrise und das zeitgenössische Theater‘, die Schößler gemeinsam mit der Pädagogik-Professorin Birgit Althans organsierte.
Das Symposion ‚Die Finanzkrise und das zeitgenössische Theater‘
Der Eröffnungsvortrag von Lutz Ellrich (Köln) über ‚Das menschliche Drama im Spannungsfeld von Kommerz und Normalität‘ bot einen dramengeschichtlich materialreichen Überblick zur Thematisierung und Kritik des Kapitalismus‘ auf dem Theater seit beinahe 100 Jahren. Ellrich führte kurz und kurzweilig durch Stücke von Horvath, Brecht, Arthur Miller, Fassbinder, Walser, Handke und einigen anderen, um schließlich gründlicher zwei der meistgerühmten Autoren des Gegenwartstheaters zu analysieren. Seine erhellende Gegenüberstellung von Roland Schimmelpfennigs eher traditionellem Figurentheater mit seiner Opposition von Wirtschaftslogik und Liebeslogik und andererseits Renés Polleschs theoriegeladenen Dekonstruktionen gerade der sentimentalen Liebes- und Begehrenskonzeptionen des zeitgenössischen Kapitalismus‘ war freilich noch nicht Ellrichs letztes Wort. Im Gegensatz zu den meisten anderen Beiträgen im Forschungskontext ‚Theater und Ökonomie‘ beließ es Ellrich nicht bei einem Lob der realexistierenden Dramentexte, Aufführungen und Performances. Als bekennender 68er und leidenschaftlicher Theoretiker besaß er noch Stichworte und Fragen zur gegenwärtigen Finanzkrise, die er vom Theater bisher nicht hinreichend behandelt sah: Wieso hat sich der Finanzsektor derart weit von der ‚Realwirtschaft’ entfernt und eine virtuelle Gestalt angenommen? Worauf beruht trotz dieser Entfernung und Virtualisierung der wirkliche Einfluss auf die Realwirtschaft, so dass die Politik ‚Rettungsschirme’ aufspannen musste? Ist das fehl-investierte Geld tatsächlich „verdampft“ oder haben nur die Besitzer gewechselt?
In vorbildlicher Weise gelang es Ellrich, der Verabsolutierung der literarischen oder theatralen Wirtschaftsbeobachtungen ebenso zu entgehen wie der blinden Gefolgschaft philosophischer oder wirtschaftswissenschaftlicher Erklärungsansätze. Mit Alain Ehrenbergs und Eva Illouz‘ Studien zu den psychologischen Auswirkungen des zeitgenössisch flexibilisierten Kapitalismus, der unternehmerische Subjekte auf allen Ebenen produziert und benötigt (so Ulrich Bröcklings Diagnose) und der viele der älteren künstlerischen Kritiken längst für seine eigenen Zwecke vereinnahmt hat (wie es Boltanskis und Chiapello in ‚Der neue Geist des Kapitalismus‘ analysierten), verfügte Ellrich über sozialphilosophische Werkzeuge, mit denen er eine nicht antiquiert wirkende, kritische Bestandsaufnahme kapitalistischer Lebenszusammenhänge skizzieren konnte. In seinem dramengeschichtlich und theoriehistorisch bestens informierten Vortrag bewies der Kölner Medienwissenschaftler und Philosoph zudem das notwendige Gespür für die Eigenlogik literarischer und theatraler Formen und Darstellungsweisen. So hatte man bei seinem Vortrag das seltene Glück, einer rundum gebildeten und weitgehend überzeugenden Bestandsaufnahme der theatralen Thematisierungen (nebst einiger ihrer blinder Flecke) von Wirtschaftskrisen folgen zu dürfen.
Christine Bähr (Trier), deren Dissertation über ‚Szenarien des Sozialen. Arbeit und Familie in der deutschsprachigen Dramatik der Jahrtausendwende‘ in Kürze erscheinen wird, bot einen ähnlich gelungenen Überblick über drei Leitfiguren im zeitgenössischen Wirtschaftstheater. Arbeitsjunkies, Arbeitslose und Aussteiger verfolgte sie in Stücken von Moritz Rinke, Nils-Momme Stockmann, Kathrin Röggla und Marius von Mayenburg. Auch in ihrem Vortrag und der anschließenden Diskussion wurden Leerstellen in der theatralen Durcharbeitung der Arbeitswelt benannt: Immer noch werde von einer allzu starren und alternativlosen Gegenüberstellung von Arbeit- und Nichtarbeit ausgegangen; es gelte dagegen, neue Formen von familiärer, ehrenamtlicher oder ästhetischer Produktivität als einen ‚dritten Raum‘ angemessen zu begreifen und zu repräsentieren.
Katharina Pewny (Gent) widmete sich anhand von Theater- und Videoarbeiten sowie Internet-Interventionen (vgl: http://www.sanprecario.info) Darstellungsweisen prekärer Beschäftigungsverhältnisse und Lebensläufe. Die frohe Botschaft dabei war, dass es manchen Künstlern (am berühmtesten: René Pollesch) und manchen Wissenschaftlerinnen gelang, durch die intensive Beschäftigung mit dem Thema Prekariat, die Ohnmacht des Geworfenseins in einen flexibilisierten Projektarbeitsmarkt zu überführen in die Handlungsmacht erfolgreicher Karrieren. Die schlechte Nachricht ist freilich: diese Taktik dürfte nicht für allzu viele Prekäre aufgehen. Die Analyse und Repräsentation der Prekariats-Zumutungen ist wichtig; doch als Ausweg aus den vielen un- und unterbezahlten befristeten Arbeiten und Arbeitslosigkeiten reicht die Thematisierung dieser Zustände nur für wenige künstlerische oder akademische Pioniere.
Die anderen Vorträge widmeten sich jeweils einzelnen Autoren oder Inszenierungen. Dieter Heimböckel (Luxemburg) reflektierte das Verhältnis von Gewalt und Ökonomie in Theatertexten Elfriede Jelineks als ‚Dramaturgien des beschädigten Lebens‘. Er schlug vor, die in Jelineks ‚Sportstück‘ auf der Themenebene des Dargestellten noch deutlich disziplinierende fordistische Ökonomie zu unterscheiden von der postfordistischen, netzwerkkapitalistischen Ökonomie ihrer ästhetischen Darstellungsweisen, die mit Vernetzungen und Intertextualitäten arbeite. Allerdings ist für einen mit Boltanskis/Chiapellos neuem Geist des Kapitalismus argumentierenden Wissenschaftler die postfordistisch-netzwerkkapitalistische Arbeitswelt oder Ästhetik natürlich noch lange nicht das gelobte Land, sondern eben nur die modernisierte, Kritiken absorbierende Form des immer noch gewaltförmigen und ungerechten Wirtschaftens. Andrea Geier (Trier) fragte, wie Jelinek in ‚Die Kontrakte des Kaufmanns‘ mitleidslose Gesellschaftsanalyse betreibe und betonte, dass schon seit dem ‚Sportstück‘ Frauen und besonders Mütter eher als Mittäterinnen übler Verhältnisse, denn als reine Opfer fungieren. Auch die geprellten Kleinanleger in Jelineks als theatralischer Kommentar zur Finanzkrise vielgespieltem Kaufmannsstück kämen hier eher als gierige und dumme Mittäter in den Blick denn als Gegenpol zu den zynisch-betrügerischen Bankstern.
Nicole Colin (Amsterdam) zeigte, wie in den frühen 1970er Jahren Labiches Spiessbürger-Farce aus dem 19. Jahrhundert, ‚Das Sparschwein‘, erst in Frankreich und dann von Botho Strauss und Peter Stein an der Berliner Schaubühne politisiert und aktualisiert wurde. Sie plädierte mit zahlreichen inhaltlichen und sozialgeschichtlichen Stichworten für eine Wiederentdeckung und Wiederaufführungen dieses Klassikers des Vaudeville-Theaters, dessen Plot einen immer noch aufschlussreichen Kommentar auch zur heutigen Wirtschaftskrise darstelle. Birgit Althans (Trier) hingegen wagte sich an den allerneuesten, gerade erst in seiner stark gekürzten Trierer Fassung uraufgeführten Theatertext ‚Sich Gesellschaft leisten‘ von Ulf Schmidt. In schöner philosophischer Geistesgegenwart und Zeitgenossenschaft kommentierte sie aus pädagogischer Sicht und teilweise mit psychoanalytischem Instrumentarium Aspekte von Schmidts postdramatischer Sozialutopie: die Geschlechterverhältnisse werden in dieser Dystopie universeller Abrechnungs- und Bezahllogiken offenbar egalitärer (mithin: womöglich positiv utopisch), während in einer kaum mehr Mangel und Begehren zulassend Konsumgesellschaft zentrale anthropologische Funktionen auszufallen drohen und sich alle Partner wechselseitig prostituieren. Bildung überlebt in dieser Zukunftsvision nur als Body-Bildung, denn die Körper werden zugleich ein wichtiges und manchmal auch letztes Zahlungsmittel.
Das Trierer Theater liegt ganz in der Nähe des Geburtshauses von Karl Marx. Die Region Trier profitiert von der nur eine halbe Fahrstunde entfernt boomenden Luxemburger Ökonomie, die mit ihren Finanz- und Steuerumgehungsdienstleistungen, mit ihren Medien-, Logistik- und Satellitenunternehmen ein Schrittmacher der deregulierten globalisierten Maximierungswirtschaft ist. Den Menschen in Luxemburg und den angrenzenden Regionen geht es meistens gut – sie profitieren mit hohen Gehältern vom Standortwettbewerb. Die Folgen (Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, wegbrechende Steuereinnahmen) dieser internationalen Konkurrenzwirtschaft werden eher anderswo, etwa in den Krisenregionen des deutschen Ostens oder des europäischen Südens, erlitten.
Das Theater Trier ist mithin ein guter Standort für die Reflexion der Berührungs- und Konfrontationspunkte von Theater und Wirtschaft, von Maximierungsimperativen und Menschenmöglichem. Bleibt zu hoffen, dass das gelinde gesagt eher konservative Trierer Publikum, welches die sommerlichen Antikenfestspiele im alten Amphitheater lieber goutiert als zeitgenössische Theaterformen, sich zunehmend von der Denklust und Spielfreude des geistesgegenwärtig agierenden Trierer Theaters und seinem Festival anstecken lässt. Und dass die fördernden Instanzen in Stadt und Land diesen anregenden, intellektuell und ästhetisch überzeugenden Experimenten der Trierer Theatermacher im Bereich des Gegenwartstheaters auch zukünftig die Spiel- und Denkräume offen halten.
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