Kritik von Ernst Scherzer
Sommerarena in Baden bei Wien
Johann Strauß "Der Zigeunerbaron"
Fred Raymond "Maske in Blau"
Lehár-Festival Bad Ischl
Johann Strauß "Wiener Blut"
Franz Lehár "Das Land des Lächelns"
Zugegeben, etwas Wehmut schwingt mit bei der Erinnerung an die Fünfziger und frühen Sechziger Jahre des schon wieder längst der Vergangenheit angehörenden letzten Jahrhunderts: Was damals in einer einzigen Spielzeit an Operetten-Neuinszenierungen auf dem Programm eines Opernhauses wie dem Grazer stand - das innerhalb Österreichs auch stets führend bei Erstaufführungen des Musiktheaters von Hans Werner Henze bis Sergej Prokofieff und von Wolfgang Fortner bis Ferrucio Busoni war - würde heutzutage allein von der Stückzahl einen Ganzjahresspielplan einnehmen. Die ab kommenden Herbst amtierende neue Intendantin bekennt sich dem Wort nach zwar zu dieser angeblich leichten Muse, was aber spielt sie? "Die Fledermaus" von Johann Strauß (in den letzten Jahren circa drei Mal neuinszeniert) und "Die Csárdásfürstin" von Emmerich Kálman, die mit wenig Publikumserfolg erst vor drei oder vier Jahren hier gegeben wurde. Allerdings gelangen auch andere Häuser Jahr für Jahr kaum über die gängigen Stücke hinaus; neben den beiden genannten zumeist noch "Die lustige Witwe" (Franz Lehár) und "Das weiße Rössl" (Ralph Benatzky). Es wäre aber trotzdem gelogen, wenn man der oft viel geschmähten leichten Muse nicht eine wenigstens leicht steigende Tendenz bescheinigen würde. Reden wir nicht von den Seefestspielen im burgenländischen Mörbisch, wo die allsommerliche Operette ausschließlich ebenso als Touristen-Attraktion angeboten wird wie die alljährliche spektakuläre Opernproduktion am anderen, westlichsten Zipfel des österreichischen Bundeslandes am Bodensee. Die Bregenzer Festspiele wurden einst für das ins Leben gerufen, was heute die Spiele am Neusiedlersee ausmachen. Und Operette (derart bezeichnete Werke von Kurt Weil oder Dmitri Schostakowitsch einschließend) scheint auch ein Steckenpferd des Intendanten David Pountney zu sein. Geographisch dazwischen könnten die Operettentage im oberösterreichischen Bad Hall angesiedelt werden. Unter anderen reiht sich noch der Niederösterreichische Operettensommer Langenlois, ebenso mit dem vielgespielten "Vogelhändler" von Carl Zeller wie im Theater des Wiener Schlosses Schönbrunn - wo allerdings auch, wenigstens konzertant, dessen seltener "Obersteiger" zur Aufführung gelangt - und das knapp an der Grenze zur Slowakei hin gelegene Schloss in Kittsee mit dem gar nicht alltäglichen "Fidelen Bauer" von Leo Fall ein.
Weniger Wehmut als Nostalgie begegnet einem nahezu auf Schritt und tritt in den beiden Kurorten Baden und dem herrlich abgeschiedenen Bad Ischl. Erinnert hier, im südlichsten Eck Oberösterreichs, noch manches an den Kaiser Franz Joseph und seine Sippschaft, so haben andernorts künstlerische Größen wie Franz Schubert, Franz Grillparzer oder auch Ludwig van Beethoven die notwendige Ruhe vor der nahe gelegenen Großstadt Wien gesucht. Der Langzeitherrscher spielte nicht zuletzt auch dort eine Rolle, wurde doch noch während seiner Regierungszeit, vor gerade einhundert Jahren nicht nur das - derzeit vorwiegend mit Operette bespielte - Stadttheater, sondern auch die Sommerarena erbaut. Diese stellt mit dem gleichzeitig errichteten verschiebbaren Dach auch heute noch ein technisches Wunder dar. Mit den Kurgästen darf man wohl da wie dort nicht unbedingt als Theaterbesuchern rechnen.
Wobei im Falle von Bad Ischl noch nicht gesagt wurde, dass dem dort lebenden und wirkenden Franz Lehár ein heute noch nach ihm benanntes (inzwischen allerdings Lichtspiel-) Theater hingestellt wurde. Nicht dort jedoch, inmitten der Stadt mit ihren teilweise etwas seltsam geführten Verkehrswegen haben die Operetten des genius loci seit 1961 ihre Aufführungsstätte gefunden, vielmehr am Rande des Kurparks im Kongresshaus. In dessen großem Saal könnte man viel eher ein Kino vermuten...
Dem Vergnügen an den Aufführungen tut das allerdings keinen Abbruch, wer das Publikum von Bad Ischl und Baden vergleicht, wird im Salzkammergut das mehr an der Sache interessierte vorfinden. Ein Mitsingen und Mitbrummen unter den Zuschauern, wie am Rande des Wienerwaldes erlebt, scheint dort unvorstellbar. Die sommerlichen Aktivitäten der beiden Häuser scheinen dennoch vergleichbar zu sein, über die nur in Baden vorhandenen winterlichen sollte zu gegebenem Zeitpunkt berichtet werden. Sowohl Intendant Dr. Michael Lakner (Bad Ischl) als auch Direktor Prof.Dr. Robert Herzl (Baden) - Letzterer einer, dem sich der Unterzeichnete mit seinen eingangs erwähnten Betrachtungen infolge der am selben Ort erlebten Eindrücke verbunden weiß - sind bestrebt, die beiden Stücke, die sie jeweils anbieten können, einmal bei den eher bekannten Operetten, das andere Mal bei den Raritäten zu finden. Und auf den einen oder anderen Darsteller stößt man hier wie dort: Die Interpreten dieser möglicherweise leicht anzuhörenden, aber so schwierig auszuführenden Gattung des Musiktheaters fallen eben nicht vom Himmel.
Im übrigen ist ein Konkurrenzdenken nicht vorhanden, wenn der eine Theaterleiter eine Operette ansetzt, die auch der andere spielen möchte, verschiebt einer von ihnen eben seinen Plan. Auf organisatorische Eigenheiten sei nur insofern eingegangen, als sie künstlerische Bereiche betrifft. So steht dem Stadttheater in Baden sowohl Orchester als auch Chor und Ballett (mitsamt den jeweiligen Leitern) ständig zur Verfügung, während beim - seit Lakners Amtsübernahme so genannten - Lehár Festival Musiker und Chorsänger nur für wenige Wochen zusammentreffen. Eine Art Stammensemble ist allerdings hier wie dort vorhanden. Auch was die Dirigenten (teilweise auch die Regisseure) betrifft.
Womit am besten gleich auf die Produktionen dieses Sommers eingegangen sei. Im Falle der musikalischen Leiter gebührt die Palme wohl dem langjährigen Badener Chefdirigenten Franz Josef Breznik, der Fred Raymonds zündende Rhythmen seiner "Maske in Blau" beim Schlußapplaus sogar mitgetanzt hat. In Bad Ischl sorgte Marius Burkert für Schwung ("Wiener Blut" von Johann Strauss), Vinzenz Praxmarer für Gefühl ("Das Land des Lächelns" von Franz Lehár).
Die Grundzüge der Handlungen von zwei einander ziemlich fremden Ehepartnern sind beiden Operetten eigen. Eine weitere Verbindung wäre die Erkenntnis, dass die komisch scheinenden Figuren die eigentlich tragischen sind: Im Wiener Milieu sind das Ernst-Dieter Suttheimer als deutscher Fürst Ypsheim und Franz Suhrada als Karussellbesitzer Kagler, in China der Obereunuch von Erik Göller.
Zwei Tenöre waren zu entdecken, wobei Matjaz Stopinsek als "Der Zigeunerbaron" in den Duetten mit seiner leider nur lautstarken Saffi stimmlich allzu sehr "aufgedreht" hat. Dagegen durfte sich Vincent Schirrmacher als Sou-Chong über eine darstellerisch etwas biedere, den gesanglichen Anforderungen der Lisa bei Lehár aber weitestgehend gewachsene Partnerin, Miriam Portmann, freuen. Die Stimme des -ungeachtet des verwirrenden Namens - geborenen Chinesen mit enormer Ausstrahlung besitzt gleichermaßen Kraft und Schmelz. Nicht zu schnell verheizt, könnte dieser Künstler einmal unter die großen Interpreten dieser Rolle eingereiht werden.
Nennen wir noch Christa Ratzenböck (Gräfin Zedlau), Petra Halper-König (Tänzerin Cagliari) und Theresa Grabner (Pepi Pleininger) für ihre Mitwirkung beim "Wiener Blut", so standen in diesem Sommer die Aufführungen im Bad Ischler Operettenhaus in ihrer Geschlossenheit über jenen in Baden. Die in jeder Hinsicht schöne Romana Noack als geheimnisvolle "Maske" - wenn sie diese wirklich war, was aus der Inszenierung durch Robert Herzl noch weniger deutlich als aus dem "Original" hervorgeht - darf in der Bewertung allerdings nicht vergessen werden.
In der Regie von Leonard C. Prinsloo endet der Ausflug ins "Land des Lächelns" nicht nur traurig, sondern tödlich. Seine Inszenierung schafft mit der von ihm gezeigten Freizügigkeit des Salons von Graf Lichtenfels (Gerhard Balluch) einen noch größeren als gewohnten Gegensatz zu den strengen, in Peking herrschenden Sitten und Gebräuchen. Daneben wird Giacomo Puccinis "Turandot" geradezu zum Lustspiel!
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