Kritik von Ernst Scherzer
Das Landestheater in Linz, der oberösterreichischen Hauptstadt, die sich in diesem Jahr auch jene der Europäischen Kultur nennen darf, gehört zu den Häusern, deren Erscheinungsbild im umgekehrten Verhältnis zur Leistung auf dem Gebiet des Musiktheaters stehen: Optisch - abgesehen von der Fassade und einem neuerdings großzügig gestalteten Außenbereich zu den Kammerspielen hin - präsentiert sich das Große Haus als nicht viel mehr als ein besseres Kino. Der Orchestergraben ist geradezu beschämend eng für einen der besten Klangkörper in ganz Österreich, dem Bruckner Orchester Linz mit seinem prominenten Chefdirigenten Dennis Russell Davies. Frühestens 2012 wird dieser nach diversen Querelen auf politischer Ebene ein künstlerisch angemessenes Haus vorfinden.
Mit ihrer Programmgestaltung möchte die Theaterleitung nicht unbedingt bis dahin warten und hat jetzt wieder (also nicht zum ersten Mal) ein Werk erarbeitet, das akustisch den vorgegebenen Rahmen bei weitem sprengt. Dimitri Schostakowitschs Oper "Lady Macbeth von Mzensk" gehört nicht nur zu den lautesten Stücken überhaupt, sondern zu einem der brutalsten in seiner schonungslosen Darstellung von Vergewaltigung und Mord, Auspeitschung und Liebesakt. Begleitet von einer Musik, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt; allerdings auch nichts an zündenden Einfällen. Das Publikum zeigte sich jedenfalls restlos begeistert, so gut besucht wie die Repertoire-Aufführung, von der hier zu berichten ist, sind zuweilen nicht einmal die Premieren.
Ingo Ingensand, der umsichtig der Sache dienende Erste Dirigent des Hauses, musste einen Teil seiner Musiker auf dem zweiten Rang unterbringen. Es gelang das Kunststück, trotz größter Lautstärke die Feinheiten der Partitur zum Klingen zu bringen. Andreas Baesler - zuletzt mit einem nicht unumstrittenen deutschen "Don Giovanni" als Regisseur zu Gast - schonte seine Zuseher ebenso wenig wie seine Sänger und vertraute im Übrigen ganz auf die Wirkung der Musik, indem er etwa die Zwischenspiele nicht, wie oft gesehen, bebildert, sondern vor geschlossenem Vorhang spielen ließ. Karel Spanhak hat ihm ein mit einfachen Mitteln variables Bühnenbild geschaffen, engagiert mitmachend bewegte sich darin der von Georg Leopold vorbereitete Chor.
An diesem Theater leistet man sich noch ein anderswo schon als Luxus betrachtetes Ensemble, aus dem an diesem Abend mit kleinen aber feinen Rollen Katerina Hebelkova, Nikolai Galkin, Alik Abdukayumov und William Mason herausragten. Klaus-Dieter Lerche bedeutet als jede von ihm verkörperte Opernfigur einen Glücksfall, diesmal wurde ihm jene des Boris Ismailow anvertraut. Hervorragend auch Iurie Ciobanu als sein Sohn Sinowij, wogegen dessen tenoraler Nebenbuhler Erik Nelson Werner seine vom Bariton her kommende Stimme zuweilen noch nicht ganz im Griff oder viel mehr in der Kehle hatte. Trotzdem eine nicht zuletzt darstellerisch überzeugende Leistung für den überlegen lächelnd sich dem Sträflingszug anschließenden Sergej.
Die Titelrolle war, dem Vernehmen nach, bei der Premiere eher mäßig besetzt. In dieser dritten Vorstellung erlebte man dagegen eine Sängerin, für die man die Floskel von der "auf den Leib geschriebenen Partie" ohne Bedenken strapaziert. Lona Culmer-Schellbach, als Gast herbeigeholt, besticht nicht nur auf dem Papier mit ihrem unerhört breiten Repertoire. Die Künstlerin durchmisst in drei Opernstunden alle Leidenschaften, Ängste und unerfüllten Lebensauffassungen der Katerina Ismailowa. Ihr ausladender, dabei intonationssicherer und sprachverständlicher Gesang (verwendet wird die deutsche Übersetzung von Jörg Morgener und Siegfried Schoenbohm samt den allerorten zu einem Unfug werdenden und hier auch nicht erforderlichen zusätzlichen Übertiteln) betört zu Recht das Publikum. Dass sich ihre Bühnenpartner davon nicht beeindrucken lassen, liegt allein an der Handlung.
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