Kritik von Ernst Scherzer
Zugegeben - vor allem das mit ungewohnten Stücken zuweilen überforderte hiesige Konzertpublikum macht fallweise schon den Spruch, wonach sich Linz auf Provinz reimt, wahr. Wenn man aber die geradezu gehässigen Rezensionen liest, die weiter im Osten die Donau entlang - sprich in der österreichischen Bundeshauptstadt, aber auch anderswo - nach der Uraufführung der Kepler-Oper von Philip Glass niedergeschrieben wurden, darf die wahre Provinz anderswo gesucht werden. Darf jener Kritiker, der die Komposition des amerikanischen Minimalisten mit zwei Sätzen abtut ernst genommen werden, wenn er drei Wochen später das musikalisch gar nicht wesentlich anders gestrickte Ballett "Kafka Amerika" von Kurt Schwertsik (das an entsprechender Stelle gewürdigt wird) uneingeschränkt hochjubelt? Ach ja; in diesem Fall ist der Komponist ein Wiener... Schön, dass sich der Österreichische Rundfunk an die überwiegend doch positiven Beurteilungen dieses inzwischen 22. Bühnenwerks von Philip Glass und an die begeisterten Publikumsreaktionen gehalten und "Kepler" für das Fernsehen aufgezeichnet hat. Schon vorher hat er die fünfte und ausverkaufte - von bisher sechzehn vorgesehenen Vorstellungen - österreichweit in die Cineplexx-Kinos zwischen Bregenz und Wien übertragen lassen. Nur der Vollständigkeit halber: Das Linzer Landestheater hat sich unter seinem Chefdirigenten Dennis Russell Davies bereits zweimal erfolgreich für das Opernschaffen von Glass stark gemacht. "The Voyage" wurde hier 2002 erstmals in Europa gezeigt und ist zumindest auf Compact-Disc nachzuhören, als "Orphée" machte wenige Jahre später der Bariton Martin Achrainer auf sich aufmerksam. Fast logisch, dass der am Hause auch im traditionellen Repertoire gefeierte Tiroler Sänger in "Kepler" wieder die Titelrolle übernehmen durfte, Glass hat sie ihm eigentlich sogar in die Kehle komponiert. Und der Künstler ist in der erwähnten Wiederholungsvorstellung zur bühnenbeherrschenden Figur geworden; stimmlich war er es schon in der Premiere, bei der es für den anwesenden Komponisten Standing Ovations gab. Rund um Achrainer sechs in der Qualität nicht ganz einheitliche Solostimmen (herausragend die Mezzosopranistin Katerina Hebelkova und der Tenor Pedro Velázquez Diaz), in der Anzahl die zu Zeiten des Wissenschaftlers bekannten Gestirne verkörpernd, im Gesang aus Keplers Selbstcharakterisierungen und aus Gedichten von Andreas Gryphius zitierend. Deutsch und Latein sind die Sprachen, aus denen Martina Winkel ihr Libretto verfasst hat. Texte aus der Bibel werden nicht zuletzt verwendet, um die Widersprüche, die Johannes Kepler dagegen verlauten ließ, deutlich zu machen. Der Stoff für das Auftragswerk wurde Philip Glass nach einem seiner ziemlich regelmäßigen Linz-Aufenthalte klar, der ihn auf die hiesige Tätigkeit des Gelehrten stossen ließ. Nicht ganz so klar, oder vielmehr nicht selbstverständlich erscheint die Auseinandersetzung des Uraufführungs-Regisseurs mit der Welt- oder eigentlich Himmelssicht zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Der Programmheft-Artikel "Der Ort, den wir einst Himmel nannten - und nun Weltraum" zeigt die Vertrautheit von Peter Missotten mit der Materie, die er in seiner Inszenierung und in eigener Ausstattung Bühnenwirklichkeit werden ließ. Die Freude über die den Solisten eher hinderlichen Kostüme von Karel van Laere hält sich in Grenzen. Besser gefällt die Idee von Missotten, den Zuschauer in die Welt heute möglicher Technik zu (ent)führen, in der Videos Kulissen ersetzen und die Beleuchterbrücke sich schon manchmal auf das Geschehen senkt. Zudem wird dadurch der Eindruck erweckt, das Linzer Haus sei tatsächlich ein "Großes", während sich diese Bezeichnung nur auf die Unterscheidung von den anderen Spielstätten des Landestheaters bezieht. Wirklich groß in jeder Hinsicht war an diesem Abend jedoch der Chor. Dessen Leiter Georg Leopold darf befriedigt zur Kenntnis nehmen, dass sich der von seinen Leuten geforderte Einsatz im Oratorien- und sogar im a capella-Gesang auch für die Oper bezahlt macht. Zur stimmlichen Qualität des Chores gesellte sich diesmal auch die darstellerische. Die auf Texte von Gryphius (1616 bis 1664) entstandene "Vanitas"-Szene des ersten Aktes macht auch beim wiederholten Anhören Eindruck, darf neben namhafte Chorstellen aus der bekannten Literatur gestellt werden. Der Komponist ist in seinem neuesten Werk klug genug, diesen Teil nicht bloss effektvoll ausklingen zu lassen. Mit den nachdenklich machenden Sätzen des Dichters, "Wenn wir die Augen schlissen ... werden wir alles sehn und wissen." entlässt er sein Publikum in die Pause. Dem Epilog des gut zweistündigen Abends, Keplers selbst verfasster Grabinschrift entstammend, setzt Glass ebenfalls noch ein paar ruhig verklingende Töne nach. Ansonsten lernte man den amerikanischen Tonschöpfer von einer dramatisch auftrumpfenden Seite kennen. Die oftmals stampfenden Rhythmen gönnen den fragmentarischen Bildern aus dem Leben und Denken Johannes Keplers (1571 bis 1630) nur wenige Ruhepunkte. Nicht den Zuhörern und schon gar nicht den Musikern im eigentlich viel zu kleinen Orchestergraben. Ein rechts darüber positionierter Pianist hat etwa nahezu gleichzeitig zwei Instrumente zu bedienen, nicht nur die Schlagwerker sind rhythmisch außerordentlich gefordert. Man könnte sagen, Dirigent Dennis Russell Davies ist seit seinen Stuttgarter Opernjahren an solche zum Kultstatus erhobene Aufführungen gewöhnt. Sein langjähriger Umgang mit den schwierigsten Partituren erleichtert zwar den Zugang, ersetzt aber gewiss nicht die abendliche Arbeit. Andererseits weiß er, auf seine Musikerinnen und Musiker des Bruckner Orchesters Linz kann er sich verlassen. Mit souveräner Zeichengebung geleitet er sie durch die finanziell wohl nur aufgrund des Kulturhauptstadtjahres Linz 2009 für das Haus als Auftragswerk möglich gewordene Partitur.
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