Kritik von Ernst Scherzer
Mit der Uraufführung der oratoriumhaften Oper "Kepler" von Philip Glass (über die an entsprechender Stelle berichtet wird) und dem Ballett "Kafka Amerika" mit der Musik des Wieners Kurt Schwertsik war endgültig klar, was sich im Eröffnungskonzert des Kulturhauptstadtjahres Linz 2009 im Brucknerhaus mit der europäischen Erstaufführung der siebenten Sinfonie des amerikanischen Komponisten schon angekündigt hatte: Ungeachtet der finanziellen Unterstützung sind die Kulturträger der Stadt aus eigenen künstlerischen Kräften imstande, auch international Vorzeigbares zuwege zu bringen. Wenn der Titel Kulturhauptstadt - zumindest in den Politikerköpfen - noch etwas bewirkt haben sollte, dann die wohl endgültig nicht mehr rückgängig zu machende Entscheidung für ein zeitgemäßes, der (nach der verkehrsmäßig immer mehr ins Abseits gedrängten und damit wohl auch kulturell immer uninteressanter werdenden steirischen Landeshauptstadt Graz) drittgrößten Stadt Österreichs angemessenes Musiktheater. Dass dieses längst schon stehen könnte, ist zwar ein eigenes Kapitel; immerhin erfolgte der Spatenstich für den Neubau in diesem Jahr - just an der Stelle in Nähe des Linzer Hauptbahnhofes, die einst ein gewisser Adolf Hitler für denselben Zweck ausersehen hatte... Zurück zur Tanztheater-Uraufführung mit der Bezeichnung "Dramatisches Ballett in zwei Teilen" . Was da unter dem jubelnden Beifall des Premierenpublikums im zwar sogenannten "Großen Haus" - in Wirklichkeit einem besseren Kino - über die Bühne wirbelte, verdient die Anerkennung eines ganz großen Theaterabends. Hoffentlich kann dieses Ereignis ebenso über Linz hinausgetragen werden wie das Glass-Opus, das via Fernsehen nicht nur europaweit ausgestrahlt, sondern auch bei der USA-Tournee des Bruckner Orchesters in New York wenigstens konzertant erklingen wird. Womit wir bei der für alle drei genannten Erfolge wesentlichen Person wären: Dennis Russell Davies, seit 2002 Chefdirigent des Bruckner Orchesters Linz und Opernchef des Landestheaters mit internationalen Verbindungen wie keiner seiner Vorgänger. Die Freundschaft des 65jährigen Amerikaners mit langjähriger und bekennender Österreich-Bindung zu Philip Glass ist bekannt, für Kurt Schwertsik hat er sich an seinen früheren Wirkungsstätten Stuttgart und Bonn kaum weniger eingesetzt. In der mit dessen Oper "Fanferlieschen Schönefüßchen" und der Operette "Der ewige Frieden" gewonnenen Erkenntnis war für Davies klar, dass nur der inzwischen 74jährige für die Komposition von "Kafka Amerika" in Frage käme. Nach dem, was in den zwei Stunden dieses Ballettabends zu hören war, kann man ihm uneingeschränkt Recht geben. Schwertsik hat eine die handelnden Personen fein charakterisierende Musik geschrieben, die Anklänge an Igor Strawinsky und Kurt Weill nicht verleugnet, ja stellenweise sogar an Philip Glass gemahnt. Wer den Wiener und sein Schaffen nur ein bißchen kennt, wird ihm aber auch in seinem neuen Stück wiederbegegnen; in der Meisterschaft seiner Instrumentierung ebenso wie in seinem auch hörbaren tiefsinnigen, ja hintergründigen Witz. So dürften es gerade die akustischen Eindrücke sein, die der eher düsteren Vorlage, dem gesellschaftlichen Abstieg eines jungen, nicht freiwillig nach Amerika ausgewanderten Mannes auch komische, gar heitere Momente verschaffen. Die Idee zum ganzen stammt vom Linzer Ballettchef Jochen Ulrich, der freilich längst eine Berühmtheit auf seinem Gebiet darstellt. Franz Kafkas Romanfragment "Der Verschollene", besser bekannt unter "Amerika", diente als Vorlage, alle dort auftauchenden Figuren um Karl Roßmann sollten diesen auch auf der Bühne umtanzen. Nicht zuletzt Simon Corder (Bühnenbild und Licht) und Bjanka Ursulov (Kostüme) schufen dafür die besten Voraussetzungen. Wen aber aus der großen Schar der Solisten hervorheben, zu denen sich das gesamte Ballettensemble und ein Bewegungsensemble gesellte? Typengenau war jede einzelne Rolle besetzt, was etwa im Musiktheater eher selten vorkommt. Die köstliche Brunelda von Darie Cardyn war eine Klasse für sich, nicht weniger die in einer kleinen Schauspielerrolle eingebaute Pianistin Maki Namekawa, die in ihrem eigentlichen Metier eine ausgedehnte Solonummer bravourös zum Klingen bringen durfte. Sogar der für "Karls innere Stimme" ausgewählte Sänger, der famose Bariton Martin Achrainer, übte sich erfolgreich im wenigstens angedeuteten Tanzschritt. Zufall oder auch nicht - dem rollengemäß oftmals ungläubig über seine Partner und Widersacher staunenden Jonatan Salgado Romero (Karl Roßmann) gleicht er wie ein etwas größerer Bruder. Völlig zu Recht stand auf dem Besetzungszettel neben Jochen Ulrich nicht nur Choreographie sondern auch Inszenierung. Eine derart spannungsvolle und durchdachte, auf Kleinigkeiten achtende, nicht mehr benötigte Requsiten mit tänzerischem Einsatz von der Bühne verschwinden lassende und den großen - immerhin alle Kapitel der Romanvorlage einschließenden - Bogen nie außer Acht lassende Arbeit würde man manchem Opernregisseur wünschen! Warum also nicht ihm auch einmal ein Musiktheaterstück anvertrauen? Von wegen Anvertrauen: Wenn auch Kommentare im Internet zumeist eher belustigend, aber auch erhellend für den geistigen Horizont des Schreibers sind, ist das Bruckner Orchester Linz natürlich nicht nur Garant für die qualitätvolle Interpretation von Werken des Namensgebers und noch vor diesem lebenden Komponisten (wie an genannter Stelle gefordert). Kurt Schwertsik stand beim Schlussapplaus zwar bescheiden zwischen den Interpreten, musste vom Dirigenten Dennis Russell Davies erst an die Rampe gedrängt werden. Hoffentlich hatte er einen Sitzplatz, von dem aus er die Qualitäten der musikalischen Einstudierung seines Werkes zur Kenntnis nehmen konnte. Trotz, oder gerade wegen der uneingeschränkten Bewunderung für diese gelungene Produktion waren die akustischen Mängel des beschämend kleinen Hauses nicht ganz ohne Belang.
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