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Lungern nach Liebe
Denkt man an Lobbyisten, denkt man an eine Armada krawattenbehängter Anzugträger, die in der Lobby eines mindestens Vier-Sterne-Hotels ihren Opfern auflauert, um diesen ihr eigenes Interesse zu oktroyieren.
Doch "die Lobbyisten", die Franz Wittenbrink in seinem neuesten Liederabend am Staatsschauspiel Dresden (UA 30.12.2009) portraitiert, sind keine Interessensvertreter der Politik-, Auto- oder Pharmalobby, sondern sie verkaufen sich selbst, um dafür aber nicht die Ware, sondern die wahre Liebe zu finden. Obwohl alle das gleiche Ziel eint, sehen sie bei ihrer Suche stets nur sich selbst und am Nächsten vorbei.
Mit Bedacht hat Wittenbrink (als Franzi, der Barpianist, wie die übrigen Bandmitglieder ins Bühnenbild integriert) ein Hotel als Schauplatz gewählt, denn besonders dort, und sei das Hotel noch so heruntergekommen wie das "Kötzschenbroda", ist man nie allein – und fühlt sich doch darum um so einsamer.
So hängen auch die Lobbyisten jeder für sich in der Hotellobby herum und ihren Träumen nach. Da gibt es den Handelsvertreter auf der Durchreise genauso wie den Geschäftsmann, den es nur wegen eines Projektes in die Gegend verschlagen hat, die neureiche russische Dame, die "auf den Hund gekommen" ist, den Mann vom Bauamt, der unablässig der Hotelbesitzerin auflauert, den schusseligen Hotelpagen, den sein heimliches Interesse an der Tochter der Chefin hält, die senile Großmutter, die durchs Hotel geistert, und schließlich ein lebensmüder Mann, der sich einquartiert hat, um seinem Leben in Ruhe und doch immer wieder vergeblich ein Ende zu setzen.
Einen passenden Rahmen für diese neun Gestrandeten, die wie Treibgut durch ihr Leben treiben und zufällig hier angeschwemmt worden sind, bildet das in braun und grün gehaltene Hotel mit palmenstrandbedrucktem Vorhang hinter der Reception, das seit Beginn der siebziger Jahre nur eine einzige Veränderung erfahren hat: statt eines Portraits von Honecker hängt nun Angela Merkel an der Wand.
Die Zeit scheint hier schon lange stehengeblieben, auch die verbal forsche Jugend ist genauso schüchtern wie ehedem, wenn es ums Wesentliche geht, der frühere DDR-Parteigenosse überwacht und triezt die Hotelchefin als jetziger Amtsvertreter noch immer – die Zeiten ändern sich, aber alles bleibt gleich.
Und wenn die Russin Tatiana einen zum Weinen schönen amerikanischen Blues singt, wird klar, dass es im Grunde nur "eine" Welt gibt, egal welche politischen Systeme herrschen, und das Ziel darin wie zu allen Zeiten der Menschheit die Liebe ist. Mit wunderbar traurigen wie komischen Liedern und Texten gelingt es Wittenbrink und dem durchweg großartig singenden und spielenden Ensemble, dies auszudrücken.
Und als ganz plötzlich die Liebe im wahrsten Sinne der Wortes märchenhaft auftaucht, ist es denn auch der erste Augenblick des Abends, an dem die Einsamen gemeinsam versammelt sind.
Leider entwickelt sich aus diesem Moment heraus aber nichts. Märchenprinzessin und Traumprinz verpuffen und alle verharren wieder allein in ihren Sehnsüchten.
Das energiegeladene Duett "Enough is enough" schürt vergeblich die Hoffnung, die Lobbyisten seien an einem Wendepunkt ihres Lebens angelangt und nähmen ihr Schicksal endlich in die Hand. Stattdessen treten sie ebenso auf der Stelle wie der gesamte Liederabend. Denn so tragikomisch die Lieder sind, so dramaturgisch beliebig ist ihre Reihenfolge.
Und wenn neun einsame Menschen ihren Liebesschmerz folglich auch überwiegend solistisch besingen, überträgt sich diese Stimmung fast zwangsläufig ins Publikum. Die erste Ensemblenummer ist bereits das dreißigste Lied von insgesamt 43: "Wir sitzen so fröhlich beisammen." Das ist witzig und anrührend zugleich, da sie genau das ja nicht tun, aber die Laune bleibt trotz zahlreicher Gags an diesem Abend dennoch stecken wie der defekte Hotelaufzug.
Franz Wittenbrink macht das am Ende gekonnt vergessen durch schmetternde Zugaben, die das Publikum mit dem Eindruck entlassen, es habe einen lustigen, statt langen Liederabend erlebt.
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