Die Beteiligten

Uraufführung

Datum:
19.04.2009 
Institution:
Düsseldorfer Schauspielhaus
Location:
Kleines Haus
Ort:
Düsseldorf
 (Nordrhein-Westfalen)
, Deutschland
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Kooperationspartner

Beschreibung

Immer wieder füllen sie Titelseiten, beherrschen die Nachrichten: Fälle von Menschen, die verschwunden waren, entführt und tot geglaubt. Wenn solch ein Mensch plötzlich wieder auftaucht, findet er sich wieder als Objekt medialen Interesses, gehypt und begafft wie ein Popstar.
Kathrin Rögglas Sprachexperimente haben in Düsseldorf Tradition: „Wir schlafen nicht“ und „Junk Space“ haben die Süchte und Phobien unserer Gesellschaft zum Thema gemacht. Ihr neues Stück richtet seinen Blick auf unsere Medienwelt: Auf „die Beteiligten“, auf die zweite Reihe all der Journalisten und Psychologen, auf Menschen aus dem Umfeld der Opfer, die Teil haben wollen am Medienereignis, weil sie sich einen beruflichen Wiedereinstieg erhoffen oder einen Karrieresprung, weil sie endlich auch einmal im Mittelpunkt stehen wollen oder einfach, um dabei gewesen zu sein.

Kritiken

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Kritik von Dietmar Zimmermann

Ritualschlachtung

Unwiderstehlich sind die Sirenengesänge der Kathrin Röggla eher selten, ist sie doch so etwas wie die Sachbuchautorin unter den deutschsprachigen Dramatikern: Stets sind ihre Stücke inhaltlich gut recherchiert, problembewusst und thematisch brisant, doch so richtig emotional berühren können die analytisch trockenen Texte nicht, und über deren literarische Qualität lässt sich trefflich streiten. So bedarf es erst einmal eines kreativen liebenden Regisseurs, um die Sirene zum Klingen zu bringen, um das Dornröschen wach zu küssen. Manchmal gelingen dann durchaus erstaunliche Gesamtkunstwerke. Die chinesische Erstaufführung der „Beteiligten“ soll zum Beispiel recht gelungen sein – auf der Basis von 10% des Original-Textes, wie Frau Röggla schmunzelnd bemerkt.

Für die zehn Monate alte Uraufführung am Düsseldorfer Schauspielhaus aber hat sich Kathrin Röggla ein ausgesprochen emotionales Thema ausgesucht: die Rettung der Natascha Kampusch nämlich, der jungen Österreicherin, die ohne jeden Kontakt zur Außenwelt acht Jahre lang im Keller ihres Entführers vegetiert hatte und im Jahre 2006 befreit wurde. Jubelstürme aber kommen im Stück nicht vor, und Natascha Kampusch auch nicht. Nur im Konjunktiv, in indirekter Rede der an ihrem Wiederaufbauprogramm Beteiligten. Schwierig, von virtuoser Analytik also ist wiederum der Text, dem aber diesmal eine gewisse Empathie nicht abzusprechen ist. Eine gewisse Polemik allerdings erst recht nicht.

„Die Beteiligten“, das sind: Der Freund, der Journalist, die Psychologin, die Nachbarin, der bloggende und surfende Fan, ein „Nachwuchstalent“. Alle aber nur so Irgendwie-, so Möchtegern-, Quasi- oder Pseudo-, denn erstens stehen diese Figuren exemplarisch für bestimmte Verhaltensweisen und zweitens werden sie ihren Rollen eben gerade nicht gerecht. „Viele Menschen glauben, sie würden denken, während sie in Wirklichkeit nur ihre Vorurteile neu ordnen“, konstatierte schon der amerikanische Philosoph und Psychologe William James: Sensationsgier, vorgefertigte Meinungen, schablonenhafte Erwartungen, die Befriedigung des eigenen Ego und nicht zuletzt die Lust am Skandal stehen im Vordergrund des Denkens und Handelns all dieser ungefragten Helfer – bis hin zur „Ritualschlachtung“, wie der Publizist Johannes Groß die Vorgänge nennt, ohne die ein Skandal in der heutigen aufgeheizten Medienwelt nicht beendet werden könne. Das Opfer dieser Schlachtung aber muss dabei keineswegs der Schuldige des Verbrechens sein…

Regisseur Stephan Rottkamp und sein Bühnenbildner … äh … Raum- und Video-Installateur Robert Schweer haben uns Zuschauer auf sechs kleine, fast quadratische schwarze Boxen verteilt, in denen wir at arm’s length jeweils einem der sechs Schauspieler gegenüber sitzen – Eingesperrtsein wird dadurch ebenso symbolisiert wie die Düsternis, die Enge des Verhaltenskorridors, in den das Entführungsopfer durch die Erwartungen ihrer Umwelt gezwängt wird. Alle anderen Schauspieler sehen wir über Videoschirme. Nach und nach dämmert uns, welche Manipulation da stattfindet: durch die Psychologin, die aus der Literatur zu wissen glaubt, was im Opfer vorgeht, durch die Bloggerin mit ihrer blühenden Phantasie, durch die Nachbarin, den Freund, den Journalisten, die Rechte zu haben glauben auf Exklusiv-Informationen, die erschreckende Intoleranz zeigen im Hinblick auf von ihren Erwartungen abweichende Verhaltensweisen. Das Opfer, die Quasi-Kampusch also, verkapselt sich, wird erneut zum Opfer – diesmal der Mediengesellschaft und der Gaffer und Skandallüsternen. Und bricht dann aus – mit einem Tanz, mit lauter Musik, zu der die Trennwände unserer Boxen sich heben, Luft hereinlassen, einen weiteren Blick ermöglichen für uns Eingesperrte – für Frau Kampusch, die nun selbstbewusst wird, die erkennt, dass es den „Beteiligten“ „nicht um mich als Mensch geht. Sondern lediglich um die Kunstfigur“, darum, „die Auflagen und Einschaltquoten nach oben zu treiben. … Warum sollte ich bei diesem Spiel mitspielen?“ (Originalzitat N. Kampusch). Und die Ritualschlachtung geht weiter. Wut und Enttäuschung richten sich jetzt gegen das frühere Opfer, das die Opferrolle zu spielen nicht mehr bereit ist…

 Rottkamps hermetisches, bewegungsarmes Theater hat seine Risiken, rückt den Abend manchmal gefährlich nahe ans Hörspiel, doch es zwingt uns auch zu hoher Konzentration, zu ernsthafter Beschäftigung mit den emotionalen Hintergründen dessen, was wir dort sehen. Ungewöhnlich ist es ohnehin, geradezu experimentell bisweilen – wie eben auch Kathrin Rögglas Sprache. Und die Schauspieler, die meisten jedenfalls, geben ihren Rollen eine hohe Glaubwürdigkeit sowie eine große Intensität. Nachdenklich verlassen wir nach knapp 90 Minuten das Haus. Dem einen oder anderen mag das Stück ein wenig zu anstrengend gewesen sein. Doch schon Ludwig Börne wusste, dass Journalismus und Kunst nicht der Verschönerung des Lebens, sondern seiner Erkenntnis dienten.

Stück   ●●       Insz      ●●●    Schsp   ●●●    Bühne/Raumkonzept   ●●●●

Zielgr.: alle halbwegs anstrengungsbereiten Zuschauer, auch Einsteiger

Produktionsteam

Mitwirkende

Darsteller
Darsteller
Darsteller
Darsteller
Darsteller
Darsteller

Webseite

Event-URL: www.duesseldorfer-schauspielhaus.de/thea ...  (26.03.2009)
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