DIE SCHMUTZIGEN, DIE HÄSSLICHEN UND DIE GEMEINEN

Uraufführung

Datum:
08.01.2010 
Institution:
Schauspiel Köln - Bühnen der Stadt Köln
Location:
Halle Kalk
Ort:
Köln
 (Nordrhein-Westfalen)
, Deutschland

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Beschreibung Kritiken Produktionsteam Mitwirkende

Beschreibung

Eine bemerkenswert mitleidslose Komödie

In eine Baracke am Rande der Stadt haust die vier Generationen große Familie von Norbert, der seit einem Arbeitsunfall reich ist: Die Versicherung zahlte ihm 66.000 Euro. Seither versuchen alle, aber auch wirklich alle, Mitglieder seiner buckeligen Verwandtschaft ihm das Geld abzujagen. Karin Beier widmet sich, in ihrer sechsten Arbeit seit Beginn ihrer Intendanz in Köln, einer Komödie, obschon der zugrunde liegende Film von Ettore Scola nicht nur die lustigen Seiten des Lebens zeigt; indem das Böse in einer Komödie sitzt, wird es ärger, als es von der Tragödie je dargeboten werden könnte. In den SCHMUTZIGEN herrscht Gewalt und Gefühlsstau als Resultat einer Zivilisation, die ihre eigene Verrohung zulässt. Ein echtes Interesse für diese Menschen scheint dabei unerlässlich, um nicht in Schieflage zu geraten. Trotzdem geht es nicht um moralische Herablassung, es geht um einen Blick, der weder die Zuschauer, noch die Porträtierten und auch nicht die Spieler schont. Und eins ist klar, an diesem Abend sind die Zuschauer zwar in der Überzahl, aber wie Einar Schleef sagt: „Das ist wie im Zirkus. Normalerweise bleiben die Löwen hinter dem Gitter, aber es gibt keine Garantie dafür.“

Kritiken

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Kritik von Dietmar Zimmermann

Die Hölle der Unterschicht

@@@ „Ich will mit! Ich will mit!“ Mutter Julia Wieninger will ausbrechen aus dieser Familie, fliehen, egal wohin, und sei es, mit Karl-Heinz Kaczmarczyks rollendem Schnäppchenmarkt durch die Proleten-Ghettos zu düsen. Kaczmarczyk wimmelt sie ab, und alles, was sie bekommt, ist eine Klobürste geschenkt. „Mit Zitronenduft!“. - Wir lachen noch, verhalten, etwas unsicher. Das Lachen wird uns vergehen im Verlaufe der nächsten zwei Stunden - den Humor werden wir zwar registrieren, aber er ist wie der ganze Abend: trost- und hoffnungslos. Vor allem aber: Ohne jegliches Mitleid. Unbarmherzig und doch aufrüttelnd schaut Karin Beier auf die Welt des Prekariats. Wir schauen mit: aus gut gepolsterten Theatersesseln in einen gläsernen RTL-Container. Voyeure des Elends und der menschlichen Abgründe.

Laut, italienisch turbulent und ziemlich nervig ist der Film des Neorealisten Ettore Scola aus dem Jahre 1976. Ein Affront war er auch, denn er überführte die Mär vom unerschütterlichen Zusammenhalt der italienischen Familie, von der „Versöhnung mit der in Würde getragenen Armut“, wie der Filmkritiker Georg Seesslen formuliert, der Lüge. Die Intendantin des Schauspiels Köln, die sich nach drei Regie-Jahren in der Domstadt unumstößlich als die größte Künstlerin in den Theatern Nordrhein-Westfalens etabliert hat, wird der Filmvorlage gerecht, sucht wie der Film „nicht mehr die Menschen im Elend …, sondern (stellt) das Elend selber aus“ (G. Seesslen). Aber Karin Beier arbeitet mit vollständig anderen Mitteln als Ettore Scola. Ihre Inszenierung ist leise, sensibel, musikalisch. Sie ist … einfach der Hammer!!

Es dauert siebeneinhalb Minuten, bis dass erstmals die Tür des nahezu schalldichten Big BrotherMotherFatherandSister Containers aufgeht und wir die ersten Worte hören. Die bestehen aus einem unwirsch geschnauzten „TÜR ZU!!!“ Dann ist wieder Stille. Nur im Container wird weiter diskutiert, gepoltert, gezetert. Wir hören nicht, wir sehen nur – und wir verstehen. Nach weiteren siebeneinhalb Minuten verlässt erneut ein Schauspieler den Container, und leise, zarte Musik setzt ein. Diese Musik, der sparsam eingesetzte Soundtrack von Jörg Gollasch nimmt uns immer wieder mit auf unseren atmosphärisch eindringlichen Trip durch die Hölle der Unterschicht, lindert sogar gelegentlich die seelischen Schmerzen, die uns „Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen“ zufügen. Deren unerbittliches Zusammenleben, frei von jeder menschlichen Regung, nur den Trieben wie Habsucht, Niedertracht, Eifersucht und Egoismus sowie gelegentlich aufflammenden animalischen sexuellen Bedürfnissen folgend, reißt uns nämlich zwei Stunden lang in tiefe Depression – um uns anschließend umso enthusiastischer jubeln zu lassen.

Wie gesagt: Anfangs lachen wir noch, wenn Opa Michael Wittenborn (im Film eigentlich eine Oma), mit beginnender Demenz und Anflügen von Parkinson im Rollstuhl sitzend, nicht an den Esslöffel kommt, den ihm Dagmar Sachse lieblos vors Gesicht hält, wenn er seinen Durst aus der Spüli-Flasche stillt. Wittenborn spielt das grandios, hält mit traumwandlerischer Sicherheit die Balance zwischen Groteske („Ich will nach Rio! Der Flug kostet 19 Euro 90; 12 Euro hab’ ich schon!“) und tiefster Verzweiflung. Eine schauspielerische Glanzleistung von selten gesehenem Format. Glanzleistungen bietet aber letzten Endes das gesamte Ensemble: der zur Transe tendierende, aber in der Beier-Inszenierung sexuell offenbar nicht endgültig festgelegte Christoph Luser, dessen Flucht in die Transsexualität wohl auch als Flucht vor den ihm in der Familie vorgelebten männlichen Rollenmustern interpretiert werden kann; der Macho Jan-Peter Kampwirth, der zum Schluss seinen Atze-Schröder-Lockenkopf rasiert, nachdem er uns zuvor höchst unsanft unsere ein wenig inkorrekte, bequeme Voyeurs-Haltung vorgeworfen hat; das ekelhafte, schmierige, sein wie auch immer „verdientes“ Geld vor der Familie im Klo versteckende Familienoberhaupt Norbert (Markus John; Giacinto im Film); die hässliche, ihr Aussehen ständig mit neuen schrillen Perücken oder Billig-Diademen verfremdende Karin Pfammatter, die auf so erniedrigende Weise ihren sexuellen Notstand ausstellt und doch unbefriedigt bleiben wird. Lina Beckmann wiederum lässt sich vom bisexuellen Christoph Luser bespringen und wird zur Strafe vom Familienvater Norbert im Beisein seiner Gattin gefickt – gefühllos, mit automatisiert wirkenden Stößen. Gleichzeitig fährt draußen ein Eisenbahnzug vorüber, und lautmalerisch skandiert der über die Schienen ratternde Zug im Takt: Rammeln, Rammeln, Rammeln.

Ganz zuvorderst unter den Schauspielern ist neben Michael Wittenborn aber Julia Wieninger als Mutter zu nennen, der Mülleimer der Familie, vom Gatten bestenfalls unbeachtet, meist erniedrigt durch Affären mit anderen Frauen, durch Gewalttätigkeiten, blutig geprügelt, die Polizei rufend und doch wieder zurückkehrend in die Familie, in den permanenten Streit und Kampf. Sensationell, wie man in Wieningers Gesicht lesen kann, wie winzige Veränderungen der Mimik ganze Geschichten erzählen, Vergangenes aufleben und Zukünftiges ahnen lassen. Als ihr Gatte eine Liebesbeziehung zu einer asiatischen Nutte aufnimmt, plötzlich weicher wird und umgänglicher, schreibt sie „Yu wellcom Mai-Ling“ auf den Container und rührt ihrem Norbert Rattengift in den Kartoffelbrei. Ungerührt schaut sie ihm beim Sterben zu, beobachtet, wie er sich windet unter unerträglichen Schmerzen. Und bricht dann, außerhalb des Containers stehend und dadurch von uns auch akustisch zu verfolgen, in ein grauenvolles hysterisches Lachen aus: Norbert berappelt sich nämlich überraschend wieder. Umgehend wird ein Rollstuhl hereingetragen. Die Geschichte wird sich wiederholen – Norbert wird jetzt ein Leben führen wie Opa Wittenborn. Wer weiß – vielleicht ist auch der schon auf ähnliche Weise kampfunfähig gemacht worden.

Michael Weber, zuvor der Polizist und der Kaczmarczyk vom Schnäppchenmarkt, nimmt nun am Küchentisch Platz und übernimmt sofort die Rolle des Familien-Tyrannen. Auf dem Dach sitzt Jan-Peter Kampwirth und schert sich die Locken. Die Flucht vor der Identität, der Ausbruch aus dem Prekariat der Schmutzigen, Hässlichen und Gemeinen wird ihm nicht gelingen. Letztere legen am Ende alle Kleider ab. Nichts wird sie jemals wärmen, nichts und niemand ihnen Schutz geben. Nackt und bloß und chancenlos ist die Unterschicht. Aber eben nicht nur schmutzig und hässlich, sondern auch abgrundtief gemein und böse. Auf ewige Zeiten gefangen in diesem Teufelskreis. Wir aber sitzen im Warmen, schauen voyeuristisch zu und jubeln. Denn wahrscheinlich sahen wir gerade die NRW-Inszenierung des Jahres. @@@.  

Stück     ●●●  Insz  ●●●●●  Schsp  ●●●●●  Bühne  ●●●●   Musik  ●●●●            Zielgr.: alle  sensiblen Zuschauer 

                   

           Dietmar Zimmermann, theatermail nrw

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Event-URL: www.schauspielkoeln.de/stueck.php?ID=224 ...  (14.02.2010)
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