"I MASNADIERI"
Melodramma tragico in vier Teilen
nach dem Schauspiel „Die Räuber“ von Friedrich Schiller
Im Mittelpunkt der dramatischen Handlung von Schillers Jugendwerk, das er während seiner letzten beiden Jahre (1779/80) an der Stuttgarter Militärakademie vollendete, steht der Konflikt zweier Brüder. Der vom Vater bevorzugte, kraftvoll geniale Karl Moor, der Erstgeborene, fällt einer Intrige seines Bruders Franz zum Opfer, in deren Verlauf der Vater den Lieblingssohn verdammt und dieser – aus Rache über das erlittene Unrecht – Hauptmann einer Räuberbande wird und sich so in persönliche Schuld und Verbrechen verstrickt. Zum Schluss deckt Karl die verhängnisvollen Machenschaften seines Bruders auf, kann aber seinen eigenen Verflechtungen nicht mehr entkommen: Karls Rückkehr an die Seite seiner Geliebten steht die den Räubern geschworene Treue im Weg. Auf ihren eigenen Wunsch hin tötet Karl schließlich Amalia und stellt sich, nun allen Verpflichtungen enthoben, der Justiz.
Franz wird getrieben vom Ressentiment des Benachteiligten, des Zweitgeborenen und "Hässlichen", also von tief reichenden irrationalen Gefühlen, denen er eine rationale Philosophie entgegenstellt, die schlichtweg alle Gefühlsbindungen negiert und sie in das reine Nichts auflöst. Der im Kern "edle" Karl glaubt dagegen, durch sein anarchisches Leben der ihm ungerecht und sittenwidrig erscheinenden Gesetzgebung zu entkommen. Als Räuber ein Feind der Reichen und Mächtigen muss er jedoch erfahren, dass auch Unschuldige, Frauen und Kinder, den Raubzügen zum Opfer fallen.
"Von Karls 'Freiheit' bleibt ihm nur die Freiheit zum Selbstmord; er macht von ihr keinen Gebrauch und liefert sich der irdischen Justiz aus, deren Gebrechen er bekämpft hat. Damit setzt Schiller die menschliche Ordnung, und sei sie auch noch so gebrechlich, wieder ein. Das ist schon Abschied von der gesellschaftszerstörenden Revolte aus dem beleidigten, maßlosen Gefühl (bei Karl) und aus dem freigesetzten, maßlosen Verstand (bei Franz). Abschied von einem Geniekult, der in der mörderischen Banditenverehrung gipfelt, und Abschied von einer Aufklärung, die in den mörderischen Zynismus führt. – Abschied von der Freiheitsgebärde, die sich in sich selbst erschöpft, und Vorahnung eines neuen Freiheitsbegriffes, den Schiller ohne irdische und überirdische Ordnung nicht denken kann." (Georg Hensel)
Giuseppe Verdis (1813-1901) und Andrea Maffeis am 22. Juli 1847 im Londoner Her Majesty’s Theatre uraufgeführte Opern-Adaption hält sich außergewöhnlich streng an die Schillersche Vorgabe. Das riesige Konzept musste allerdings auf geringere Dimensionen reduziert werden. Zu den auffälligsten Merkmalen der Oper gehört eine differenzierte Orchesterbehandlung, die mehrfach mit überraschenden instrumentalen Effekten aufwartet. In der Partitur verbinden sich, vor allem in den letzten Akten, eine Fülle expressiver musikalischer Momente zu groß angelegten und zukunftsweisenden Komplexen, die "I Masnadieri" zu einem interessanten und aufregenden Werk unter den unbekannteren Opern Verdis machen.
empfehlen