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Klimaschock
"Der Kirschgarten", Tschechows letztes Theaterstück vor seinem Tod, stand als Symbol für eine untergehende Gesellschaft, deren Blüte vorbei ist. Mit der Abholzung des Kirschgartens stirbt auch die "gute alte Zeit".
In Michael Thalheimers Inszenierung am Stuttgarter Staatstheater (mit Premiere am 16.1.2010 fast auf den Tag genau 106 Jahre nach der Uraufführung vom 17.1.1904) bekommt der nie sichtbare Kirschgarten eine weitere, aktuelle Bedeutung: Alle reden über die schützenswerte Natur, doch niemand will seine bequeme Position verlassen, um diese Rettung zu möglichen. Tschechows "Weltklimagipfel" zeigt beklemmend die Unfähigkeit der Menschen, Reden und Handeln miteinander in Einklang zu bringen. So hält auch der Bonvivant Gajew eine flammende Rede "Oh Natur", die alle für einen Moment ergreift. Aber keiner ist fähig, das Gehörte umzusetzen. Dass sich daraus bittere Konsequenzen ergeben könnten, steht für die aus Paris zurückgekehrte, hoch verschuldete Gutsherrin Ranjewskaja und ihren Bruder Gajew jedoch außerhalb jeglicher Realität.
Diese "verkehrten Verhältnisse" erinnern an die aktuelle Finanzkrise, in der sich wohlhabende Menschen wie ganze Länder schwer tun zu begreifen, dass eine Umverteilung im Gange ist. Wer bisher viel hatte, wird weniger haben und muss sich bewegen, um seine Zukunft zu sichern. Auf der anderen Seite gibt es die Neureichen, die von den Krisen profitieren, auch weil sie die Veränderungen schneller durchschauen und entsprechend handeln – wie der frühere Bauer und spätere neue Gutsbesitzer Lopachin.
Diese Bewegungslosigkeit der Menschen und ihre Unfähigkeit zur echten Kommunikation zeigt Thalheimer eindrücklich, indem er Tschechows Figuren wie Scherenschnitte nebeneinander stellt. Über ihre Köpfe senkt sich dabei beständig eine graue Schräge aus Filz, die alle zwingt, immer gebeugter zu gehen. Die Last des Lebens ist also erdrückend, weil alles in Schräglage geraten ist, suggeriert die Bühne von Olaf Altmann auf nicht sehr subtile Art, zu abgenutzt ist dieses Bild durch zahlreiche Verwendung in anderen Inszenierungen. Interessant ist jedoch die Entscheidung für Filz als Material der Schräge. Sonst Symbol für Vetternwirtschaft und Finanzbetrug versinnbildlicht es den Selbstbetrug der Figuren, die sich alle in ihren Lebenslügen verstrickt haben. Um damit jedoch bloß nicht konfrontiert zu werden, sprechen sie lieber ins Publikum statt zueinander.
Zunächst spricht jedoch minutenlang niemand. Das scheint für einen Regisseur wie Thalheimer, der Stücke auf ihre Essenz verknappt, eine Zeitverschwendung, doch trifft es genau die Sprachlosigkeit und Unfähigkeit, miteinander zu kommunizieren, wie sie Tschechow angelegt hat, nur brauchte jener mehr Worte dafür als Thalheimer nötig hat.
Brilliant ausgedrückt wird dies durch die stets aufs Neue anmerkende Gouvernante Charlotta (Rahel Ohm): "Niemand hier, mit dem man sich unterhalten könnte." Dabei ist das Gut der Ranjewskaja voll von Leuten. Aber in der Tat sind sie unfähig zur Unterhaltung.
Auch Charlotta selbst kann sich nicht unterhalten, sondern beißt stattdessen schmatzend in ihre saure Gurke, wie auf der anderen Seite Gajew lautstark seine süßen Bonbons lutscht, die alles sind, was ihm von seinem einstmals so süßen Leben geblieben ist.
Das vielleicht größte Verdienst Thalheimers ist die Herausarbeitung solcher Ironien und des dem Stück innewohnenden Witzes. Tschechow fühlte sich von Regisseuren unverstanden, weil seine bewusst als "Komödie" bezeichneten Stücke nicht entsprechend inszeniert wurden. Bei Thalheimer kann mit über hundertjähriger Verspätung endlich gelacht werden. Bestes Beispiel ist eine rohe Umarmung zwischen dem Diener Jascha und dem Hausmädchen Dunjascha. Nachdem sie sich in wildem Gefühl stumm niedergerungen und endlich wieder voneinander gelöst haben, sagt Dunjascha zu Jascha: "Sie können über alles so klug reden."
Die besten Reden von allen schwingt aber Gajew (Martin Leutgeb), doch spricht er darin lieber die Natur, einen Schrank und eine Billardkugel an als Menschen. Niemand hat in diesem Stück echtes Interesse am anderen, alle sehen nur sich selbst.
Das erinnert an eine Art "Russland sucht den Superstar"-Show, in der jeder mal nach vorne treten und zeigen darf, wer er ist und was er kann. Wie meist in solchen realitätsfernen Shows gibt man sich damit eher der Lächerlichkeit preis. Die Kandidaten sind mitunter liebenswert, aber meist untalentiert. Zu dieser Spielshow passt auch der Glitzer- und Konfettiregen auf der ansonsten requisitenfreien Bühne. Alle scheinen auf den entscheidenden Zaubertrick zu warten, mit dem sich das Gut und der Kirschgarten retten lassen. Doch die Zeit der Wunder ist vorbei. Dementsprechend deplaziert wirkt auch die Showeinlage Gajews als ekstatischer russischer Elvisrocker. Der Student Trofimow (Christoph Gawenda) konfrontiert ihn mit der Wahrheit: "Sie sollten arbeiten statt über sich selbst in Verzückung zu geraten."
Aber auch Trofimow macht es nicht besser. Er, der unentwegt von Arbeit spricht, ist unfähig dazu. Schön zu sehen im Schlussbild, als er vergeblich versucht, in seine Gummistiefel, Symbol der körperlichen Arbeit, zu schlüpfen. Er stolpert darin gleichsam durch sein Leben.
Wer sich stattdessen erst noch von seinen gewohnten Gummistiefeln lösen muss, ist Lopachin. Aus einer Familie Leibeigener stammend, hat er sich vom Bauern zum Verwalter hochgearbeitet und wird schließlich das Gut der Ranjewskaja kaufen, um dann den Kirschgarten abholzen und das Land mit Ferienhäusern bepflanzen zu lassen.
Lopachin fühlt sich in seiner neuen Rolle noch nicht wohl. Er stottert vor seiner Herrin Ranjewskaja und kann sich, obwohl er bereits die Krawatte des Ökonomen trägt, von seinen Sicherheit verleihenden alten Gummistiefeln nicht trennen (Kostüme Michaela Barth). Dass der Darsteller des Lopachin, Markus Lerch, optisch Jürgen Klinsmann ähnelt, ist unbeabsichtigt, aber pointiert: Auch Klinsmann hat den Sprung vom kleinen Bäckerlehrling nach oben in die Welt des Geldes geschafft.
Wer leider in Thalheimers Inszenierung mit durchweg guten Schauspielern zwischen den starken Antagonisten Lopachin und Gajew untergeht, ist die Ranjewskaja (Anna Windmüller), die nach fünfjähriger Abwesenheit aus Paris zurückkehrend doch erst alles ins Rollen bringt. Sie steht bei Tschechow im Mittelpunkt, da sie als Gutsbesitzerin diejenige ist, die die Entscheidung über den Kirschgarten zu fällen hat, nicht ihr Bruder Gajew oder ihre Töchter Anja und Warja. Bei Thalheimer bleibt sie trotz starker Stimme und physischer Präsenz schwach. Wo Thalheimer eher die geschäftliche "Man's World" betont, vertraute Tschechow die Zukunft aber den jungen Frauen an.
Warja (Minna Wündrich) trennt sich am leichtesten vom Kirschgarten, nachdem sie sich ihre Verzweiflung darüber einmal herausgeschrien hat. Ihr wird die bisherige Aufgabe genommen, also sucht sie sich die nächste, etwas anderes hat sie in ihrem kärglichen Leben auch nicht gelernt. Doch Warja re-agiert immer nur, hat weder Einfluss auf den Verkauf des Gutes noch auf Lopachin, dessen Heiratsantrag sie vergeblich erwartet. Die Erkenntnis, das Leben selbst in die Hand nehmen zu müssen und dies auch zu können, reift im Laufe der Zeit einzig in Anja (Sarah Sophia Meyer). Ist sie bei Tschechow Hoffnungsträgerin für eine neue Gesellschaft, in der sich Kultur mit Arbeit verbindet, scheint sie bei Thalheimer zunächst nicht an eine Zukunft zu glauben und ihrer Mutter und sich selbst mit tröstlichen Reden nur etwas vorzumachen.
Doch das Pflänzchen Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt – in jedem Fall erst nach dem Kirschgarten.
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