Anna Karenina

Uraufführung

Datum:
27.02.2010 
Institution:
Düsseldorfer Schauspielhaus
Location:
Großes Haus
Ort:
Düsseldorf
 (Nordrhein-Westfalen)
, Deutschland
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Beschreibung Kritiken Produktionsteam Mitwirkende

Beschreibung

nach dem Roman von Leo N. Tolstoi

Kritiken

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Kritik von Dietmar Zimmermann

Die Anna von der Brehmstraße

@! Mit gekonntem Schwung kurvt Fürst Oblonskij über die weiße Fläche und breitet die Arme aus: „Welcome to Anna Karenina on Ice!“ Wir sind weder an der Brehmstraße noch im ISS Dome, obwohl das Parkett so leer ist wie die Halle bei den Heimspielen der lustlosen Metro Stars: Wir sind im Düsseldorfer Schauspielhaus. Zum zweiten Mal innerhalb von knapp zwei Jahren hat sich in NRW ein Regieheld an das aussichtslos erscheinende Unterfangen gewagt, Leo Tolstojs 1200 Seiten starken Gesellschaftsroman auf die Bühnenbretter zu heben. Bei den Ruhrfestspielen 2008 war es der renommierte junge Jan Bosse in Zusammenarbeit mit dem noch renommierteren Armin Petras vom Maxim-Gorki-Theater Berlin. In Düsseldorf sind es dagegen fast No-Names: Hans Nadolny erarbeitete die Textfassung für die junge Regisseurin Petra Luise Meyer. Die ist so was wie Marco Reus bei Borussia Mönchengladbach: Scheinbar ein Leichtgewicht, das aber gerade durchstartet. Und: Meyer hat das Duell gewonnen.

Das sieht die professionelle Presse nicht ganz so. Es gehe viel verloren von der Vielschichtigkeit des Romans, wird geklagt – na wie denn auch anders, angesichts von 1200 Seiten gegen 200 Minuten? Ein Gesellschaftsroman ist es nur noch peripher, den wir in Düsseldorf sehen – eine berührende Liebes- und Familiengeschichte ist es geblieben. „Schockgefrostet“ wie die Rheinische Post meint? – Nein, warm, tragisch: und mit viel, viel Humor. Petra Luise Meyer hasst ihr Personal, wie die WAZ schreibt? Nein, Meyer lächelt manches Mal über ihre Figuren, was ja wohl mit dem Abstand von 100 Jahren erlaubt ist, aber grundsätzlich weckt die Inszenierung Sympathie mit dem größten Teil des Personals. Und sie rückt die Geschichte durch sprachliche und inhaltliche Modernisierungen näher an die Gegenwart.

 

Tombe la neige… schon die erwähnte Anfangs-Szene, die weiteren Bilder aus der gehobenen Petersburger Gesellschaft mit leise rieselndem Schnee, mit edlen Pelzen und teurem Champagner stimmen uns ein auf das, was uns erwartet: ein geruhsam entwickeltes Panorama mit ein wenig boulevardesker Grundierung, ein Wohlfühl-Film trotz Mitleidens. Großartig die Ball-Szene mit dem so perfekten wie ironischen Zeremonienmeister Winfried Küppers, der ein ebenso perfektes wie ironisches Salon-Französisch spricht und an dem wir uns auch in seinen übrigen Rollen als Diener diverser Herren, Zugschaffner etc nicht satt sehen können – sollten wir jemals das Datum unserer Goldenen Hochzeit erleben, werden wir Küppers als Toastmaster engagieren. - Eine der witzigsten und zugleich melancholischsten Szenen erleben wir nach der Pause. Irgendwie soll es wohl eine Hochzeitszeremonie für den Gutsbesitzer Ljewin und Kitty Schtscherbatskaja werden. Küppers ist diesmal der Messwein saufende Pfarrer. Auf seine vergebliche und leicht deplazierte Frage „Hat keiner Lust zu beichten?“ erntet er nur schnödes „Nööö.“ In verschiedenen Sektionen auf der zum Breitwandformat ausgefahrenen Bühne stehen die Figuren des Stücks, zusammenhanglos, mit sich selbst beschäftigt: Kitty und Petritzky spielen Tennis, Anna am linken Bildrand auch, aber desinteressierter, gelangweilter, wenn sie nicht gerade mit Wronskij schmust; parallel unterhalten sich Ljewin, Oblonskij und Dolly Oblonskaja. In rasendem Tempo bei fast statischem Bild entwickelt sich die Szene von der Eheschließung (an der niemand wirkliches Interesse zeigt) über die Ehekrise zum resignierten Ehefrust. - Steht das so bei Tolstoj? Eher nicht: Dort ist Kittys Beziehung zu Ljewin der glückliche Gegenentwurf zur scheiternden Ehe der Karenins und der letztlich ebenfalls unglücklich endenden Beziehung Annas zu Wronskij. Aber inszeniert ist es trotzdem klasse – und aus heutiger Sicht glaubhafter als das Original.

 

Das Schauspieler-Ensemble ist leider nicht auf einem einheitlichen Niveau. Außer dem Nebenrollenhauptdarsteller Winfried Küppers fasziniert insbesondere Annas ungeliebter Gatte Alexej Karenin. Götz Schulte gibt, was nicht allen Schauspielern gelingt, seiner Figur eine Entwicklung mit. Ein makelloser Beamter, der wie so viele von uns die berufliche Pflicht vor die Familie stellt, der Anna so liebt wie Innstetten seine Effi Briest: ehrlich, aber emotionslos. Und der doch zutiefst erschüttert ist, als Anna ihn verlässt – und zwar nicht nur, weil dies seine gesellschaftliche Stellung unterhöhlt. Schulte wird immer besser in den mittlerweile vier Jahren seiner Ensemble-Zugehörigkeit; selbst kleinen Rollen gibt er inzwischen eine hohe Präsenz und: Individualität. - Warum für die Hauptfigur der Karenina mit Anna Schudt eigens ein Stargast aus München geholt werden musste, bleibt zunächst schleierhaft: Insbesondere wenn sie ihre Stimme ein wenig lauter erhebt, glauben wir das Timbre der betagten Margit Carstensen aus Bochum herüberwehen zu spüren, die im Alter an Flexibilität verloren hat. Schudt fehlt der Zauber, die flirrende Erotik der russischen Glamourfürstin, die nur auf den Bahnsteig zu treten braucht, um allen Männern den Kopf zu verdrehen. Doch nach der Pause ahnen wir plötzlich, was Amélie Niermeyer bewogen hat, ihre Münchner Maria Stuart zu dieser Rolle in Düsseldorf zu überreden: Welche Schauspielerin kann schon in solch feinen, zunächst kaum merklichen Schritten den Verfall einer Persönlichkeit spielen? Verlust der Sicherheit, Zuhilfenahme von Alkohol, dann Morphium: Anna Schudt beglaubigt dies nicht nur durch den Wechsel des Kleidungsstils - hochelegant zu Beginn, dann mit geringfügig zu aufreizendem Dekolleté, schließlich vernachlässigter Schlabber-Look mit zu langer Hose und schlecht sitzendem Oberteil – nein, Anna Schudt verdeutlicht dies auch durch minimale Veränderungen ihrer Körpersprache, ihres Blicks, ihres Gangs, ihrer Stimme.

 

Am Ende, nach langen, aber doch recht kurzweiligen dreieinhalb Stunden, als Anna und Wronskij trotz beidseitigen Bemühens die Basis ihrer Liebe verloren haben und Anna sich vor den Zug gestürzt hat, sind wir erschüttert, ergriffen vielleicht sogar. Abschließend sehen wir eine ganz ähnliche Szene wie die Hochzeits-Szene unmittelbar nach der Pause: Wieder stehen alle mehr oder weniger beziehungslos nebeneinander und geben ihren Kommentar ab: zu Anna, zu sich selbst, zu der unglaublichen Geschichte, die sich zugetragen hat. Unwillkürlich bewerten wir die Sichtweisen der einzelnen Charaktere – elegisch wie wir uns manchmal beim Lesen des Romans gefühlt haben. Ein gelungenes, in Teilen sogar ein wenig konventionelles episches Theater hat uns mit auf eine Reise genommen, nicht ohne Witz und Humor und in edlem Bühnenbild, das auch die kritisch gesonnenen Rezensenten loben. Wir sind der Reise gerne gefolgt, ohne vollends abzutauchen in die Welt des russischen Großfürstentums. Das aber war ja auch gar nicht gewollt. Wir sollten aus dem Heute hineinblicken in eine spannende, schöne Geschichte, sie genießen und gleichzeitig herausfinden, was sie uns im 21. Jahrhundert noch sagt. Ehemalige Personalmenschen wie der Schreiber dieser Zeilen sollten das können: Empathie aufbringen und gleichzeitig Distanz halten. Politisches Theater, die Inszenierung einer Gesellschaft fand nicht statt - schon wahr, irgendwie war es „Anna light“. Na und? Come on Anna light my fire…! @!

Txtfssg    ●●●       Insz    ●●●     Schsp    ●●-●●●●       Bühne   ●●●●                    Zielgr.: alle

 

                     (Dietmar Zimmermann, theatermail nrw)

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Mitwirkende

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Event-URL: www.duesseldorfer-schauspielhaus.de/thea ...  (22.03.2010)
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Sie lesen gerade: Anna Karenina, Düsseldorf, Düsseldorfer Schauspielhaus, 27.02.2010: Event