Kritik von Ernst Scherzer
Kritik von Ernst Scherzer
Zwei prächtige Verdi-Baritone adeln Komponisten-Raritäten Die 1844 in Rom uraufgeführte frühe Verdi-Oper "I due Foscari" kennt der durchschnittliche Theaterbesucher vielleicht vom Hörensagen, wer auch noch die ein Jahr später, in Neapel, das Bühnenlicht erblickende "Alzira" als ein Werk des Italieners richtig einstuft, darf sich schon fast als Spezialist für diesen Komponisten bezeichnen; in den großen Opernhäusern wird er diesen Stücken kaum begegnen. Ausnahmen bestätigen auch in diesem Fall die Regel...
Zwei kleine Theater, eines davon (Eisenach) nicht einmal mehr mit einem eigenen Ensemble, wagen sich an die teilweise angeblich von Verdi selbst nicht so sehr geschätzten Raritäten und begeistern ihr Publikum offensichtlich so sehr, dass jeweils Wiederaufnahmen oder Übernahmen aus der vorigen Spielzeit möglich waren.
Die Handlung der "Foscari" ist wahrlich nicht berauschend, geht es darin doch um einen feigen Vater, der seine - freilich vom Rat der Zehn untergrabene - Macht als Doge von Venedig nicht ausübt, mit der er seinen Sohn vor der Verbannung retten könnte. Dass dieser auf dem Weg dahin plötzlich, vielleicht an gebrochenem Herzen, wie am Ende der vor seiner Absetzung stehende Staatsmann, stirbt, erscheint sogar auf der Opernbühne unwahrscheinlich.
Noch unwahrscheinlicher nur, gerade in Eisenach (oder in Meiningen, wo der Sänger wohl unter Vertrag steht) einem Bariton zu begegnen, der alle Voraussetzungen mitbringt, eine nicht ganz anspruchslose Partie von Giuseppe Verdi mit wohlklingend markanter Stimme und großer Gestaltungskraft ganz auszufüllen. Der als Francesco Foscari auftretende Künstler heißt Dae-Hee Shin, stammt aus Süd-Korea und wurde nicht zuletzt aufgrund dankbarer Rollen zwischen Rossinis Wilhelm Tell und Wagners Amfortas im Vorjahr wohl zu Recht zum "Sänger des Jahres" erkoren.
Auch in St. Gallen war es der Bariton, der uneingeschränktes Lob verdient. Anders als die meisten einschlägigen Figuren Verdis ist sein Gusmano der schließlich, fataler Weise allerdings schon vom Tenor Zamoro tödlich verwundete, Verzeihende. Alzira, zunächst diesem zugetan, wendet sich schließlich angeekelt ab. So zeigt es die Inszenierung von Denis Krief, dessen Personenführung nicht schlecht gerät, der mit dem Chor allerdings gar nichts anzufangen weiß: Wenn dieser seine Position zwischen dem ebenfalls vom Regisseur verantworteten, die Handlungsebene eher verstellenden Bühnenbild wechselt, wirkt das nicht einmal oder eben höchstens als allerschlechteste Parodie!
Der aus San Marino stammende, in Bologna ausgebildete Luca Grassi kann auf internationale Auftritte hinweisen; schön, wenn er mit seiner Prachtstimme in St. Gallen hilft, die hier aufgebaute Tradition mit selten gespielten Verdi-Opern zu pflegen. In Derek Taylors Zamoro begegnet ihm - als Ensemblemitglied - ein Sänger mit Qualitäten, die größeren Häusern nicht lange verborgen bleiben wird. Eine Gelegenheit, den vielleicht nur im Auftreten nicht ganz so überzeugenden Tenor von Eisenach, Xu Chang als Jacopo Foscari, zu nennen.
Die Vertreterin der weiblichen Hauptrolle kann bei beiden Aufführungen nicht mithalten. Alla Perchikovas Sopranstimme klingt als Lucrezia Contarini ("I due Foscari") den ganzen Abend belegt, während sich Majella Cullagh in der Titelpartie der Alzira wenigstens nach der Pause dem Niveau ihrer männlichen Partner nähert. Dieses wird im Übrigen auch von David Maze (Alvaro), Andrzej Hutnik (Ataliba), Ricardo Botta (Otumba) und anderen gehalten.
Es mag ungerecht sein, doch der Chor in St. Gallen scheint von der Hilflosigkeit des Regisseurs auch akustisch angegriffen zu sein. Von einer großen Regietat zeugt auch Saskia Kuhlmanns Arbeit in Eisenach nicht. Doch weiß sie mit ihren Figuren einschließlich des Chores wesentlich besser umzugehen; die Kostüme und das Bühnenbild von Dietrich von Grebmer deuten mit ihren Modernismen die Zeitlosigkeit manipulierter Menschenmassen an.
Alexander Steinitz als Dirigent der Meininger Hofkapelle und Jeremy Carnall als jener des Sinfonieorchesters St. Gallen bestärken durch ihren engagierten Einsatz das Bedauern des Zuhörers darüber, diesen Verdi-Opern nicht wenigstens ein bißchen öfter begegnen zu dürfen.
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